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Ukraine 2010
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... so fühlt es sich ab jetzt, als wir das Meer verlassen, zumindest für mich an. Aber zum Glück haben wir unterwegs noch viel vor.

Zunächst einmal fahren wir stracks nach Norden. Ja, es gäbe eine Abkürzung, allerdings durch Moldawien und dort durch Transnistrien. Vor allem Letzteres wollen wir uns nicht antun, wir haben gelesen, dass diese Region ein "gesetzesfreier Raum" ist, wo man unter Umständen nur mit ausreichend Bestechungsgeld und viel Zeit- und vor allem Nervenverlust "durchkommt". (Transnistrien ist de facto ein Staat im Staate Moldawien, wird von keinem anderen Land diplomatisch anerkannt, so dass man sich dort nicht einmal auf eine deutsche Vertretung  berufen könnte... Ja, so was gibts in Europa auch noch!)

Infos über Transnistrien: http://de.wikipedia.org/wiki/Transnistrien

(bitte wie immer bei uns möglichst in einem separaten Internet-Fenster öffnen!) 

Nein, wir wollen nicht nach Transnistrien, deshalb fahren wir zur einer Autobahn ähnlichen, sehr gut ausgebauten Straße Richtung Kiew,      

vorbei an blühender Steppe... 

... oder wieder einmal endlosen Feldern.

In Uman / Умань biegen wir ab nach Westen und fahren Richtung Dnister /  Днистер, den wir in der Stadt Mogiliv Podilski / Могилив Подiлський, die sehr schön in Berge eingebettet liegt, erreichen. Der Dnister ist hier der Grenzfluss.  

Blick übers Wasser nach Moldawien.


Und es wird wieder einmal Nacht - und wir haben wieder einmal kein Quartier.


Wie wir so vor uns hinkullern, nun auf schmalen Landstraßen, steht da plötzlich ein Riesenaufgebot an Polizei, gleich drei Autos! Thomas übersieht sie zunächst und rollt ein paar Meter zu weit. Nein, sie kommen nicht die wenigen Schritte hinterher. Also: Rückwärtsgang, Papiere geben, nett sein. Ich vermute, diesmal wird das wirklich eine "richtige Kontrolle" - einfach weil es so viele Polizisten sind und weil sie so extrem dienstlich gucken. Aber sie schicken uns wie auch all ihre Kollegen zuvor sehr schnell und freundlich weiter. Wer weiß, wen die gesucht haben... Uns jedenfalls nicht!

In mehreren der Orte, durch die wir fahren und die durch die sanften Berge rundherum allsamt sehr schön gelegen sind, suchen wir einen Stellplatz, der ruhig und dennoch so zentral gelegen ist, dass wir uns sicher fühlen. Aber da ist nix, auch kein Dorfhotel!

Erst in Dunaiwzi / Дунаiвци, der ersten größeren Stadt seit Mogiliw Podilski, finden wir eines, direkt an der Hauptstraße. Es ist inzwischen mitten in der Nacht, aber die Tür ist offen - und in der kleinen Rezeption liegt eine Frau auf dem Sofa, die mir verschlafen einen Schlüssel gibt. 200 Griwna kostet das Zimmer mit Bad.

Im Keller des Hotels ist Disco, wir holen uns dort noch ein Bier und schauen von den Hotel-Stufen aus in die Nacht.

 

Wir sind ziemlich geschafft vom langen Fahren, dennoch machen wir den Fernseher an... 


... und schauen auf dem Sci-Fi-Kanal "Star-Trek" - russisch synchronisiert und das dann auch noch ukrainisch übersprochen - ein galaktisches Erlebnis!  


km-Stand: 15.744 - 612 gefahrene Kilometer  



Unser Zimmer ist nicht nach unserem Geschmack, aber mit sehr viel Liebe eingerichtet, was uns richtiggehend rührt: Die Gäste sollen sich hier wohlfühlen! Alles ist himmelblau gestrichen, das Bett mit den Rosendecken war ja bereits weiter oben zu sehen, und der Tisch, auf dem Geschirr fürs selbst zu machende Frühstück steht (was kein Problem ist, denn wir haben ja alles dabei), wird von einem Aschenbecher, an dessen Rand ein Vögelchen aus Porzellan sitzt, dass offenbar gern Kippen frisst und dieser Vase verziert. So können wir beim Kaffee-Trinken durch die Kunstblume miteinander reden.

 

Erstaun-licherweise steht hier, obwohl wir nun im "richtig ukraini-schen" Westen des Landes sind,


der viel westeuropäischer orientiert ist als der russisch dominierte Osten, immer noch ein Lenin.

Hier, gleich gegenüber vom Hotel ist übrigens auch eine "Райффайзен Банк" / Raiffeisenbank, sozusagen unsere Hausbank auch im fernen Osten. Ich stelle mich brav an einer langen Schlange an und erfahre schließlich, dass unsere EC-Karten, die wir schon die ganze Zeit in unserem Urlaub genutzt haben, in der Ukraine nicht gelten, die Kreditkarte, die ich der strengen Frau am Schalter zeige, aber schon. So hole ich also hier mit der Kreditkarte Geld, aber (simsalabim!) in Lwiw, wo wir dann zum letzten Mal während unserer Reise Geld besorgen werden, funktioniert es auch wieder mit der EC-Karte. 

Nun haben wir also wieder Bares - ein schwerer Stein fällt uns vom Herzen. 

Und so kaufe ich mir dort im Computerladen endlich eine "Kiriliza" / кирилица - eine PC-Tastatur, auf der jede Taste doppelt beschriftet ist. Eine ganz einfache Tastatur kostet nur 29 Griwna, so dass ich mich für eine mit Mulitimedia-Funktionen entscheide, für 79 Griwna, was wir sehr preiswert finden. Deshalb übrigens kann ich hier so gut kyrillisch schreiben: Software herunterladen (das konnte sogar ich!), dann nur noch Shift + Alt drücken und zack! gehts auf russisch weiter...  

Wir fahren weiter, nach Kamjanjez Podilski / Камянец-Подiльский.



Die Stadt liegt in eine Schleife des Flusses Smotritsch / Смотрич, der sie fast komplett umschließt. Wie wir lesen, ist sie eine der ältesten Städte der Ukraine.  

Davon zeugt vor allem auch die alte Festung.


Aber auch die Stadt selbst ist sehens-wert. Und was noch nicht schön ist, wird gerade schön gemacht.


Wir bewundern lange, im Schatten auf einer Parkbank sitzend, die Arbeit der Stuckateure, die die Hitze offenbar nicht stört... 

Rund um den schmucken Marktplatz mit Rathaus und Kirchen ist vieles für  Touristen und Einheimische im Entstehen, "Боулинг" - eine Bowling-Bahn, gibt es schon... 


Der Fluss hat ein tiefes Tal gegraben...


.. in dem viele Leute das Wasser genießen, obwohl es nicht besonders sauber ist.


Wir hatten diese "Ecke" der Ukraine zunächst nur vage im Plan, dass wir nun wirklich hier sind, haben wir unserem Freund Dirk zu verdanken, er hat hier mit verbundenen Augen seinen Punkt in die Landkarte gemacht, gleich in der Nähe von Kamenjez Podilski. So fangen wir an, nach einer markanten Stelle zu suchen, die dort ist, wo sein Stift getroffen hat. Wir verfahren uns und landen an einer    

Fähre über den Smotritsch,


wir sind zu weit gefahren. Also zurück. Und da ist, an seinem Punkt, das Dorf Werchni Paniwzi, das so klein ist, dass es nicht einmal auf unserer Karte steht. 



Uns fällt auf, dass hier viele Häuser auf sehr attraktive Weise bunt verkachelt sind.



Auf dem zugewachsenen Fußballplatz weidet eine Kuh, auf dem Rückweg zur Hauptstraße begegnet uns hier der einzige Mensch...



In den Gärten stehen Ziehbrunnen. 



Und eine Klapperstorchfamilie klappert dem Dirk freundlich zu... 



Auf dem Weg zu unserem nächsten Ziel fahren wir hier vorbei...


 

Nein, hier gibt es keine wilden Tiere! Es ist ein Parkplatz für LKWs. 


Richtung Süden geht es über den Dnister. Diesen Abstecher wollen wir unbedingt noch machen. Und das hat einen guten Grund.  



Ich schrieb schon mehrfach an anderer Stelle in unserem Reisebericht, wie viele Zufälle passieren können, wenn acht Leute mit verbundenen Augen je einen Punkt in einer etwa zwei Quadratmeter große Landkarte markieren. Auch bei Dirk war es so. Vor zwei Jahren, als wir im Baltikum waren, hatte er uns in Lettland quasi ins "Nichts", etliche Kilometer von Riga entfernt, geschickt. Was wir dort fanden, war eine riesige Filmkulisse, die gerade zu einem Touristenmagneten ausgebaut wurde, von dem noch keiner unserer Reiseführer etwas wusste. Filmfan Dirk blieb bei seinem Prinzip. Denn etwa 20 Kilometer südlich seines Punktes in der Ukraine liegt Chotin / Хотин.     

In dieser Burg wurden bereits mehr als 50 Spielfilme gedreht! 


Unter anderem die sowjetische Version der "Vier Musketiere" und die von "Robin Hood".





Wahrlich, eine tolle Filmkulisse!




Nachdem wir die Burg ausgiebig untersucht haben, verlassen wir den Dnister und fahren nach Norden zurück.



Unterwegs blödele ich herum, dass wir bald in Borschtschiw / Борщив sind und dort unbedingt Borschtsch (einen "Suppenklassiker" des slawischen Raums mit Rote Beete oder Kohl) essen sollten - da streikt unser Berndi. Wir sprechen nämlich auch darüber, dass wir nun bald in die Berge fahren, unser Plan sieht vor, über die Karpaten und die Slowakei nach Hause zu fahren, damit unsere Reise wirklich eine Rundreise wird... Der Schlingel muss sehr genau zugehört haben... Nööö, denkt er, erst immer wieder diese schlechten Straßen, dann die Kosa Arabatskaja  mit fast hundert Kilometern hubbligem Schotter- und Sandweg, dann auf der Krim am Meer immer wieder Berg hoch und Berg runter, nööö, jetzt ist Schluss!!!!

Plötzlich, etwa zehn Kilometer vor Borschtschiw, kann Thomas nicht mehr schalten. Bernd kommt uns jedoch entgegen, immerhin ist der erste Gang noch drin. Mit dem tuckert er die Hügel hoch, beim Runterfahren kuppelt Thomas aus. Endlich sind wir in der kleinen Stadt, suchen und finden eine Werkstatt. Mittlerweile ist es zehn Uhr abends. Nein, sagt der angetrunkene Nachtwächter, hier ist morgen Prasdnik / праздник, Feiertag, zu.

Schräg gegenüber ist - welch Zufall! - ein Hotel. Ich nehme erst einmal ein Zimmer (200 Griwna) und frage einen Mann, der dort auf dem Sofa sitzt, nach einer anderen Werkstatt. Er geht mit mir auf die Straße und pfeift und ruft den Nachtwächter heran. Wir müssen den Leuten helfen, sagt er und - auf einen kleinlauten Einwurf des Nachtwächters: Die werden das schon bezahlen. Nun tritt der Nachtwächter an mich heran und raunt mit vom Wodka geschwängertem Atem, dass er, obwohl die Werkstatt eigentlich geschlossen ist, Monteure besorgen wird. Naja, druckst er, aber umsonst ist das nicht... 50 Griwna will er haben... Ich gebe sie ihm - wir haben ja keine große Wahl. (Womit wir hier das einzige Mal Bestechungsgeld in der Ukraine zahlen... - das Thema Korruption ist abgearbeitet!) 

Um acht Uhr sollen wir morgen an der Werkstatt sein.  

Als Thomas den Bernd schon mal für die Nacht auf das Gelände der Werkstatt bringt und ich auf ihn warte, hält plötzlich ein deutsches Auto mit einer Nummer aus dem Landkreis Oder-Spree direkt neben mir. Das erste deutsche Auto seit Kiew vor fast drei Wochen! Drin sitzt eine lustige Gesellschaft, die wissen will, ob der Laden neben dem Hotel noch geöffnet ist. Ich spreche die Truppe an. Wie sich herausstellt, ist es ein deutscher Mann mit seiner ukrainischen Braut und deren Familie. Sie wollen in ihrem Heimatort die Hochzeit vorbereiten... Der Mann macht uns Mut: Die Werkstatt wird das Getriebe wieder in Ordnung bringen, und wenn die Monteure jedes Zahnrad einzeln feilen... Inzwischen ist auch Thomas wieder da, und wir wünschen dem jungen Glück viel, viel Glück!     

Dann erfahren wir auch, warum der Nachtwächter so kleinlaut war, als ihn der eigentlich unscheinbare Mann aus dem Hotel zusammengefaltet hat: Ihm gehören der Laden, das Hotel und noch mehrere andere Häuser in der Stadt. Nun hat er seinen Spitznamen bei uns weg: Der Oligarch.

Wir fragen ihn, ob es im Hotelrestaurant noch etwas zu essen gibt - da fällt im Haus der Strom aus. Mit einer Kerze bringt uns die Rezeptionistin nach oben ins Zimmer. Als wir schon darangehen, hungrig einzuschlafen, geht plötzlich das Licht wieder an und die Klimaanlage schnurrt leise. Wir werden zum Essen abgeholt und kommen doch noch zu vielerlei Speis und Trank. Und natürlich ist in Borschtschiw auch Borschtsch dabei!

km-Stand: 15.957 - 213 gefahrene Kilometer 



Um halb sieben werden wir wachgeklopft. Der Nachtwächter hat ganze Arbeit geleistet: Zwei Monteure sollen wirklich für uns bereitstehen. Als wir in die Werkstatt kommen, ist erst einmal nur einer da. Der besieht den Schaden und telefoniert nach einem VW-Spezialisten. In der Zwischenzeit gehen wir duschen und frühstücken. Dann ist er da, der Spezialist, ein sehr junger Mann, der aus dem Bernd das Gestänge ausbaut, das von der Kupplung zum Getriebe führt. Ihm wird assisstiert - allerdings nur verbal - von einem Mann, dem nebenan ein Elektrogerätegeschäft gehört. Der sagt uns: Es sei kein großes Problem. Nicht das Getriebe selbst sei kaputt, sondern nur das Gelenk des Kupplungsgestänges gebrochen, an der Stelle, wo es ins Getriebe führt (an alle Profis: Entschuldigt bitte meine Amateur-Beschreibung!) 

Irgendwo in der Stadt soll es ein gebrauchtes Ersatzteil geben. Wir steigen mit in den abenteuerlichen alten Lada des jungen Mannes und machen eine kleine Stadtrundfahrt durch Borschtschiw, wo er mit einem anderen Mann verabredet ist - kommen aber ohne Ersatzteil zurück. Und nun?...

... wird zwei Stunden konzentriert gearbeitet. Thomas beobachtet fasziniert, wie ein Loch gebohrt wird, statt eines neuen Gelenks ist da jetzt eine Schraube, die alles wieder zusammenhält. Dann Einbau - und fertig!



Der Elektrogeräteladenmann sagt uns, wir kämen sicher nicht weit, sollten auf dem schnellsten Weg nach Polen, dort auf einem Schrottplatz Ersatz für das defekte Teil kaufen und in einer Werkstatt einbauen lassen. Den jungen Mann frage ich, ob wir nun vorsichtig, "спакойно" / spakoino oder ganz "нормально" / normalno fahren können. "Hормально", sagt er. Das gefällt uns bedeutend besser als die erstere Auskunft, deshalb beschließen wir spontan, ihm, dem Profi, mehr zu vertrauen. Völlig fassungslos ist er über die 50 Griwna, die Thomas ihm gibt, wir bekämen doch eine Rechnung! Auf der stehen dann 99 Griwna, mit Mehrwertsteuer - also keine 10 Euro für mehrere Stunden Arbeit. Die bezahlen wir natürlich auch gern. Und spendieren Berndi auch noch eine Wäsche und eine Motorwäsche, die so gründlich ist, dass sein Innenleben aussieht wie (fast) neu. Während wir warten, verstehen wir auch, warum die Werkstatt heute eigentlich geschlossen hat und außer uns keine Kunden da sind: Es kommt ein Herr Wichtig mit einer langbeinigen, stöckelbeschuhten Assistentin (mindestens genau so wichtig), die alles hier fotografieren und viele Notizen machen. Die Werkstatt steht also zum Verkauf - oder ist pleite, nix mit Prasdnik, Feiertag, hier gibt es nicht zu feiern.                

Bernd brummt und schaltet wieder. Als wir aus Borschtschiw abfahren, haben wir bereits unsere weiteren Urlaubspläne geändert: Nicht durch die Karpaten und die Slowakei geht es nach Hause, obwohl es dort so schön sein soll!!!! Aber es würde bedeuten: Schalten, schalten, schalten - besonders weil Berndi bergauf so seine Probleme hat mit seinen nur 50 Pferdestärken.


Statt dessen werden wir über Lwiw und dann - entgegen all unseren Urlaubsprinzipien! - auf der Autobahn durch Polen nach Hause fahren.

Aber noch nicht heute! Davor haben wir noch mehrere Ziele, die A) durch den Punkt unseres Sohnes Bruno festgelegt wurden und B) etwas mit Thomas und seiner Zeit an der Erdgastrasse 1983 zu tun haben, als er als Student für sechs Wochen hier arbeitete.    

Deshalb fahren wir jetzt in Richtung Iwano-Frankiwsk. Unterwegs hält Thomas plötzlich an und wendet.     

Dieses Haus kennt er, hier hat er als "Material-besorger" für die Trassenbauer Zement organisiert


- und den Erfolg dieser Aktion (ebenfalls hier) sehr heftig mit Wodka begossen... 

Dann kommen wir in das Dorf, in dem Bruno seinen Punkt beim Karte-Pieken gesetzt hat: Nishniw.


Wir versuchen, hier etwas Spekta-kuläres zu finden, aber außer Einfamilien-häusern, schöner Land-schaft und


sowjeti-scher Architektur gibt es hier nicht viel zu sehen.


Beim Weiterfahren überlegen wir, ob von der Erdgasgasse überhaupt etwas zu sehen sein wird. Vor Iwano-Frankiwsk biegen wir nach Süden ab.  

Da taucht neben der Straße, hinter Tismeni-tschani / Тисмени-чани ein endlos langes Rohr auf.


Ja, es ist die Gasleitung, die aus Russland bis nach Westeuropa führt!


Auf einem Sandweg fahren wir ein wenig am Rohr entlang - da ist dort plötzlich ein sehr sauberer Bach. Mehrere splitternackte Männer stehen herum oder sind im Wasser, das offenbar mit Steinen zu einem Teich angestaut wurde.  

Nüscht wie rin, beschließt Thomas...


und genießt das Wasser, das direkt aus den Bergen der Karpaten kommt, die wenige Kilometer südlich von hier beginnen.

 

Bei mir reicht es nur fürs Füße erschrecken in diesem Pool - es ist wirklich eisekalt!


Als wir danach südlich auf die Berge zufahren, erkläre ich dem Bernd, dass wir gleich wieder abbiegen werden - nach Nordosten. Nicht, dass er gleich wieder panisch reagiert! 



Da unten ist noch einmal die Erdgas-Trasse.


Wir kommen nach Bogororottschani / Богоротчани. Hier hat Thomas damals gearbeitet und gewohnt.


Teil des "Deals" zwischen der damaligen Sowjet-union und der DDR war, dass nicht nur die Trasse,  sondern  auch Infra-struktur für die Bevölkerung gebaut wurde.


Deshalb gibt es hier etliche Original-DDR-Plattenbauten, deren Bestandteile damals hier her gebracht wurden. Viele Leute in der Stadt grinsen uns freundlich zu, ganz bestimmt sind wir nicht die einzigen трасснники / Trassniki, die sich nach Jahrzehnten hier umsehen.  

Wir wollen zur Verdichterstation, die braucht eine Erdgasleitung etwa alle 100 Kilometer, damit der Druck des Gases, der während des Transports sinkt, wieder aufgebaut werden kann. Als Thomas hier war, wurde sie gerade gebaut.  

Unterwegs finden wir dieses putzige Denkmal auf einem Mast, mit Fahnen  Polens, der Tschecho-slowakei,  Rumäniens und  Deutsch-lands. 

Wenn man genau hinsieht, zeigt sich, dass das einmal die DDR-Fahne war, Hammer, Sichel, Ährenkranz sind nur unzureichend übermalt. Ein echt historisches Teil also!

Am Hintereingang der Verdichter-station wacht nur ein verschlafener Hund. Am Haupteingang werden wir ziemlich brüsk vom Wachschutz vertrieben und können keine Fotos machen. 


So gibt nur diese Totale einen Eindruck, wie die Verdichter-station aussieht.

 

Durch Iwano-Frankiwsk / Ивано-Франкiвськ fahren wir Richtung Lwiw.  Das ist das imposante Alte Rathaus der Stadt. Iwano-Frankiwsk gefällt uns, aber nach kurzem Überlegen beschließen wir: Wir wollen noch weiter, denn heute ist Donnerstag - am Mittwoch werden wir wieder arbeiten gehen. Und bis nach Hause sind es noch mehr als 1.000 Kilometer, die wir nicht am Ende in einem "Ritt", sondern schön gemütlich fahren möchten. Und außerdem: Wer weiß, was sich Bernd noch so ausdenkt...  

Am abendlichen Fluss halten wir dann doch noch einmal an. Da hinten das Rohr über dem Wasser - ob das noch einmal die Trasse ist?


Die ganze Stadt scheint hier baden zu gehen. Wir schauen noch ein wenig zu.



Hinter Iwano-Frankiwsk ist die Ausschilderung nicht eindeutig. So fahren wir nicht den kürzeren Weg nach Lwiw, sondern einen recht großen Umweg über Stri / Стрий. Dort finden wir auch ein Hotel. Etwas skeptisch sind wir zunächst ob der vier Sterne und des zu erwartenden Preises. Aber es sind 350 Griwna mit Frühstück, also machbar für uns. Im sehr mückigen Garten essen und trinken wir, dann gehen wir zur Ruhe. Leider hat es trotz der vier Sterne nicht für eine Klimananlage im Zimmer gereicht, tja, wir sind jetzt verwöhnt, die 200 Griwna-Zimmer hatten fast alle eine...

km-Stand: 16.311 - 354 gefahrene Kilometer



Wir hatten uns für halb zehn zum Frühstück angemeldet, verschlafen aber... Das Frühstücksbuffet ist schon abgeräumt, aber auf einem der Tische steht alles, was man für ein "großes Frühstück" braucht - und viel, viel mehr. Zusätzlich bringt man uns heiße Blini. 

Wir trinken noch einen Kaffee auf der Terrasse...


... dann brechen wir auf nach Lwiw / Львив, die Stadt, die wir nach der Einreise in die Ukraine mit schlechtem Gewissen links liegen ließen. Aber Bernd sorgt mit seiner Panne und den deshalb geänderten Plänene für die Heimreise dafür, dass wir sie uns nun doch noch anschauen.

Am Stadteingang ist ein großes Einkaufszentrum und wir gehen zum ersten Mal in einen riesigen Supermarkt in der Ukraine. Unsere Lebensmittel für unterwegs hatten wir immer in einem Magasin / магазин, einem Tante-Emma-Laden gekauft. Aber nun wollen wir doch einmal schauen, was es in solch einem Einkaufstempel gibt, wie die Preise sind und auch einiges zum Mitnehmen kaufen. Zum Beispiel Wein, Bier, Sekt, Zigaretten und roten Kaviar für den "Nach-Dem-Urlaub-Einstand" im Büro von Thomas (eine Hundert-Gramm-Dose kostet zwischen 40 und 65 Griwna, wir nehmen drei verschiedene). Außerdem kaufen wir drei leichte Sommerhosen für Thomas (je 99 Griwna). Hier gibt es alles - und dieses "alles" ist sogar sortiert wie überall in Europa...  Kein Wunder, den "АШАН Гипермаркет" / Aschan Gipermarket mit dem Vögelchen kennen wir auch aus Frankreich ("Auchan").

In der Altstadt von Lwiw finden wir auf Anhieb einen (kostenlosen) Parkplatz und starten unseren Rundgang.   

Besonders gut gefällt uns der Markt und die Straßen rundherum.


Lwiw hat viele sehr sehenswerte Kirchen - hier die Armenische Kathedrale



Neben dem Denkmal für Iwan Fedoriw, einem Buchdrucker aus dem 16. Jahrhundert, findet - wie auch einer unserer Reiseführer es beschreibt - ein antiquarischer Markt statt.


Wir verstehen, dass Lwiw ins UNESCO-Welkultur-erbe augenom-men worden ist. Ja, es gibt hier noch viel zu tun.


Aber dieser Status sensibilisiert sicher die Stadtväter, weiter so verantwortungsvoll mit ihrem reichen Erbe umzugehen. So hoffen wir leidgeprüften Sachsen jedenfalls, haben wir doch unsere ganz eigenen Erfahrungen mit der Dresdner Waldschlösschenbrücke...

Das "Schwarze Haus" (auf das Lwiw mindestens genau so stolz sein darf wie andere Städte auf ihr "Weißes Haus")  


Um noch mehr zu sehen, machen wir eine Stadtrundfahrt mit diesem Bähnlein, die gut eine Stunde dauert und die wir gern weiter empfehlen. Sie kostet 100 Griwna pro Person. Wir bekommen Kopfhörer und können so auf deutsch die Erklärungen zu den einzelnen Stationen der Rundfahrt sowie einen kurzen Streifzug durch die Stadtgeschichte hören. 


Danach ziehen wir noch einmal zu Fuß los, kaufen auf einem Markt einige подарки / Podarki, Geschenke und gehen für unsere letzten Griwna noch einmal ausgiebig und gut essen. Langsam wird es dunkel. Unser Plan ist, in der Nacht über die Grenze zu fahren, zum einen, weil wir hoffen, dass es dann nicht so voll ist, zum anderen, weil wir nicht in der Hitze des Tages auf den Grenzübertritt warten wollen. Dass wir bei der Einreise nur eine Stunde und 15 Minuten gebraucht hatten, ist sicher kein Maßstab... Gegen 22.00 Uhr fahren wir an einer endlosen Schlange von LKWs vorbei, die auf der rechten Spur festgewachsen zu sein scheint. Uns tun die armen Kerle leid, die da in ihren Autos sitzen. Die wollen und müssen arbeiten mit ihren Brummis und dürfen nicht, wir sind ja nur zum Vergnügen hier.

In der PKW-Spur sind mit uns nur etwa zehn Autos. Beim Warten vertelefonieren wir noch das Restguthaben unserer ukrainischen Prepaidkarte. Dann - Erste Station: Eine emsige Maria - der Name steht auf dem Schild auf ihrer Bluse - beschaut unsere Pässe. In ihrem Häuschen schwirren massenhaft Mücken. Thomas schenkt ihr eine unserer Flaschen mit Mückenschutz-Spray, die Frau freut sich sehr und schickt uns weiter. Wir beschließen jedoch, dass das keine Bestechung ist, nur Hilfe in der Not. Zweite Station: Ein Zöllner beguckt und beklopft unseren Bernd. Wir machen innen alle Lampen an. Alles, was wir gekauft haben, haben wir in unseren Körben und Klappboxen so plaziert, dass man "drüberfällt", wenn man die Schiebetür zu unserem "Wohn- und Schlafzimmer" öffnet.

Wir haben exakt so eingekauft, wie es laut unserer Reiseführer erlaubt ist: Pro Nase 200 Zigaretten, ein Liter Wodka, vier Liter Wein/Sekt und 6 Liter des ausgezeichneten Ukrainischen Bieres in verschiedenen Sorten - 16 sind gestattet) Auch die kyrillische Tastatur, die DVD mit den Tscheburaschka-Filmen, sogar die Hosen und die Souvenirs haben wir für die Kontrolle bereit gelegt.

Es geht schnell, wir gehen zur dritten Station am nächsten Grenzhäuschen, wo wir die Hälfte der Immigration-Cards abgeben, die wir bei der Reise bei uns hatten: Unscheinbare Zettel, die wir die ganze Zeit in unseren Pässen gehütet hatten wie unseren Augapfel. Auch hier hat heute eine Maria Dienst. Sie guckt etwas strenger als ihre Namensvetterin, als sie uns die Ausreisestempel verpasst, aber als ich ihr sage, wie begeistert wir von der Ukraine sind und dass wir unbedingt wieder kommen wollen, taut sie auf, lacht und wünscht uns eine gute Heimreise.

Dann heißt es wirklich:

До побачення Украiна / Do pobatschennja (ukrainisch), до свидания Украина / Do swidanija (russisch). 

Wir fahren wieder in die EU. Hier erwartet uns bereits die vierte Station in Person einer sehr gewissenhaften polnischen Zöllnerin. Auch sie beklopft und beleuchtet das Auto gründlich, jedoch ohne dass wir irgendeins unserer vielen Fächer öffnen müssen. Unsere aufgehäuften gekauften Schätze beachtet sie gar nicht, was mich jetzt, während ich das schreibe, etwas wundert.

Denn die zwei Stangen Zigaretten, die wir gekauft hatten, lagen - mit Quittung - groß und breit herum. Wie ich nach der Reise in einem Ukraine-Forum erfahren habe (in dem ich seit der Reisevorbereitung Mitglied bin und wo ich von vielen wirklichen Ukraine-Kennern sehr gute Tipps bekam - danke an Euch alle!) darf man eigentlich nur 40 Zigaretten pro Person in die EU einführen. Das macht bei den Spottpreisen in der Ukraine (50 bis 90 Cent pro Schachtel) sogar irgendwie Sinn. Vielleicht haben wir einfach Glück gehabt. Also, ihr Raucher, vor der Reise in die Ukraine noch mal die aktuellen EU-Einfuhrbestimmungen recherchieren! Die sagen nämlich wiederum: 200 Zigaretten seien erlaubt.

( http://www.zoll.de/e0_downloads/d0_veroeffentlichungen/z4_reisefreimengen_ausserhalb_eu.pdf )

Verwirrend! Aber wie auch immer, die sehr gut deutsch sprechende Zöllnerin fragt uns lediglich, ob wir Wurst dabei hätten. Das können wir getrost verneinen - und vergessen geflissentlich vorsichtshalber den Kaviar im Kühlschrank. Aber da schaut sie gar nicht hinein.

Nach insgesamt gut einer Stunde ist auf beiden Seiten alles erledigt und wir rollen durch die polnische Nacht. Ich habe unseren ADAC-Campingführer herausgekramt, nun macht er wieder Sinn. Doch bis zum ersten Campingplatz, den wir dort finden, sind es noch etwa 70 Kilometer, das sind auf dieser Straße samt Ortsdurchfahrten eineinhalb Stunden. Wer weiß, ob uns dort nachts jemand reinlässt! So fragen wir in mehreren Hotels und Motels entlang der Straße nach einem Bett. Immer wieder hatten wir unterwegs in der Ukraine Brautpaare gesehen und uns mit ihnen gefreut. Aber auch in Polen ist die Heiratswut ausgebrochen: Überall sind Hochzeitsfeiern und die Hotels deshalb ausgebucht.          

So fahren wir doch noch bis zum "Camping Pastewnik", auch hier eine Hochzeitsfeier UND ein davon unabhängiges Jazz-Konzert am hinteren Ende des Platzes. Der sehr nette Camping-Platzwart gibt uns deshalb, ohne dass wir darum gebeten hätten, einen "Lärm-Rabatt", statt 61 Zloty bezahlen wir nur 50. Wir setzen uns zum Jazz, die Musiker packen schon zusammen, aber es kommt noch Musik "aus der Konserve" und einige Paare tanzen. Wir lassen den Tag ausklingen. Es stürmt und ein Gewitter braut sich zusammen.

km-Stand: 16.633 - 222 gefahrene Kilometer 

 


Es ist kühler geworden - als ob der heiße ukrainische Sommer nicht mit über die Grenze gekommen wäre, vielleicht hat er die Zoll-Freimenge an Grad Celsius überschritten und durfte deshalb nicht mit... Aber irgendwie ist es auch angenehm, einmal nicht zu schwitzen. 

Der Camping "Pastewnik" liegt direkt an der Hauptstraße von Rzeszow zur Grenze, kurz vor Przeworsk. Wir können ihn ausdrücklich für Durchreisende empfehlen! Eine sehr gepflegte Anlage mit Wiese, vielen Bäumen, Holzhäusern und großen, sehr sauberen Sanitäranlagen.      



Auf dem "Hinweg" in die Ukraine waren wir recht traurig, dass wir Polen nur als (fast) reines Transitland genutzt hatten, denn wir mögen Polen sehr und sind auch dort immer wieder neugierig auf neue Entdeckungen. Deshalb wollen wir uns auf dem "Rückweg" Zeit nehmen - und vor allem den wegen des Hochwassers ausgefallenen Abstecher nach Krakow machen.   

Als wir über die Wisla fahren, sind wir erstaunt:


Von der großen Katastrophe, die hier vor nur drei Wochen statt gefunden hatte und die uns eine Frau an der Rezeption des Campingplatzes sehr plastisch geschildert hat, ist absolut nichts mehr zu sehen!

Wir parken auf dem Vorplatz eines Hotels mitten in der Stadt (7 Zloty Gebühr pro Stunde, wir müssen uns wieder an "europäische Preise" gewöhnen...)  

Die Altstadt von Krakow erschlägt uns regelrecht. So groß, so schön hatten wir sie uns nicht vorgestellt! 


Aber trotz der vielen Menschen, die heute, am Sonntag, hier unterwegs sind, finden wir auch viele stille Winkel.  


Unweit davon sprudelt das Stadt-Leben.


Und geheiratet wird hier heute auch!


Nach langem Hin und Her ob des hohen Preises entschließen wir uns zu einer Stadtrundfahrt mit einem der kleinen Touristen-Buggies. So können wir viel sehen, obwohl wir relativ wenig Zeit haben. Ein englisch sprechender Student fährt uns fast zwei Stunden lang durch die Stadt, außerdem sind wir wieder mit Kopfhörern für eine deutschsprachige Führung ausgerüstet. Wenn wir darum bitten, hält er an uns lässt uns aussteigen. Zuerst geht es kreuz und quer durch die Altstadt. 

Dann fahren wir am Wawel, dem polnischen Königspalast, vorbei...


... und über die Wisla...

... ins alte jüdische Viertel der Stadt.


Dieses Denkmal erinnert an den Holocaust und die ermordeten jüdischen Einwohner Krakows.

   

In der Fabrik von Oskar Schindler("Schindlers Liste") wurde unlängst ein Museum eröffnet.


Der deutsche Fabrikant hatte 1944 mehr als 1.200 jüdische Zwangsarbeiter vor dem sicheren Tod gerettet.


Einen Schlafplatz für heute finden wir auf dem "Camping Smok", außerhalb der Stadt, gleich an der Wisla, nicht weit von der Autobahn. Auch diesen Platz können wir sehr empfehlen: Obwohl es bereits sehr spät ist, steht ein Nachtwächter bereit, der uns auf einen grünen Stellplatz führt. Die Sanitäranlagen sind perfekt.

km-Stand: 16.738 - 105 gefahrene Kilometer



Der Aufenthalt hier kostet 75 Zloty inclusive Strom.  

Nach dem Frühstück ziehen wir weiter.


Heute ist Montag, übermorgen wartet das Büro auf Thomas - und mein Schreibtisch will mich endlich auch wieder haben. Wir begeben uns auf die Autobahn Richtung Heimat und überlegen, wie schnell wir zu Hause sein wollen. Wollen wir bis zum Anschlag unterwegs sein um jeden Preis und heute noch einmal irgendwo auf einem Campingplatz übernachten? Nach kurzer Überlegung verwerfen wir das, es ist irgendwie albern. So rollen wir endlos vor uns hin, verlassen bei Boleslawiec die Autobahn und gehen in einer Kaufhalle alles besorgen, was man so zum Grillen braucht. Denn wir haben telefonisch einige Leute in Leipzig für morgen zum Urlaubs-Abschieds-Grillen eingeladen, Fußball Schauen inclusive. 



Wie sich herausstellt, hat Boleslawiec nicht nur ein sehr sehenswertes altes Stadtzentrum, sondern es gibt hier auch im Fabrikverkauf wunderschöne Bunzlauer Keramik. 

Und einen Herren-Ausstatter namens Adam, hey Sohn, dieses Foto wurde nur für Dich gemacht!


An der Grenze zu Deutschland sind wir verwirrt: Rot-weiße Hütchen engen die Straße auf eine schmale Spur ein, ein deutscher Zöllner hält uns an. Hat man während unserer Abwesenheit das Schengener Abkommen außer Kraft gesetzt? Er will unsere Ausweise sehen und wissen, was wir in Polen eingekauft haben. So einfach ist das nicht, wir haben nur Pässe dabei, weil wir gerade aus dem Urlaub in der Ukraine kommen. Aber wenn es sein muss, packen wir gern unsere schmutzigen Schlüpfer aus, sagen wir fröhlich, wir haben Zeit und sind in Urlaubslaune - und die kann uns niemand verderben. Und von irgendetwas zu viel gekauft haben wir auch nicht, erzählen wir glaubhaft (und außerdem stimmt es!). Diese Charme-Offensive macht ihn platt, er lässt uns weiter fahren, nachdem er erzählt hat, wie maulig viele bei einer Kontrolle sind. 

Dann rollt Bernd zufrieden in Richtung Heimat, er hat seinen Kopf durchgesetzt, keine Berge, nur Autobahn ohne für ihn vielleicht schmerzhafte Schaltvorgänge.  

Einige Stunden später, in Leipzig, etwa 100 Meter von unserem Haus entfernt. Um Bernds Getriebe zu schonen und nicht so viel schalten zu müssen, fährt Thomas nicht regulär, sondern wendet auf einer Sperrlinie, um nach Hause zu kommen. Da taucht hinter uns ein Polizeiauto auf.

In den drei Wochen in der Ukraine sind wir sieben Mal angehalten worden, am Anfang war uns das nicht geheuer gewesen, weil wir im Vorfeld unserer Reise recherchiert hatten, dass die Abkürzung für die Verkehrs-Polizei dort nicht zu Unrecht "ДАИ" / DAI heißt. Denn дай! heißt auf russisch: gib her! Aber nie mussten wir etwas bezahlen. Und jetzt, zu Hause, direkt vor unserer Tür, hält uns noch einmal die Polizei an. Die Beamtin und der Beamte stellen sich vorschriftsmäßig vor und wollen die Papiere sehen, denn direkt vor ihren Augen haben wir eine Ordnungswidrigkeit begangen. Weil wir so lachen müssen, muss Thomas auch noch pusten: exakt 0,0 Promille kommen dabei heraus. Aber das Fahrten über die Sperrlinie kostet trotzdem 25 Euro. Wir zitieren uns selbst fast wörtlich mit dem, was wir dem Zollmann gesagt hatten: Wir sind in Urlaubslaune - und die kann uns niemand verderben. Das verwirrt die Beiden, so fröhlich zahlende Übeltäter begegnen ihnen sicher selten, nach dem Tausch Geld gegen Quittung winken sie uns aus dem Auto noch zu, ehe sie abfahren. 

km-Stand: 17.380 km - 642 gefahrene Kilometer



Unser letzter Urlaubstag bricht an, Zeit, eine kurze Bilanz zu ziehen, zunächst die Fakten für kühle Rechner unter den Lesern:

Insgesamt sind wir in 27 Tagen 7.630 Kilometer gefahren, davon in der Ukraine 5.713,

das macht im Schnitt 283 Kilometer am Tag - und ist das Äußerste, was man sich in einem solchen Urlaub zumuten sollte. Wir haben das nur "durchgestanden", weil wir nicht die Strandtypen sind, die es länger als zwei bis drei Stunden in der Sonne aushalten - und weil wir so viel wie möglich von diesem Land sehen wollten, nach dem Motto: Einfach mal nur so faulenzen können wir abends zu Hause oder am Wochenende...

12 mal haben wir im Auto geschlafen, 14 mal in Hotels.

Mit einem völlig autarken großen Wohnmobil mit Wasser etc. hätte die Bilanz sicher anders ausgesehen. Aber es heißt auch, dass man in der Ukraine auch mit einem einfachen PKW "ins Blaue" fahren könnte, ein bezahlbares Hotel findet man immer, auch spät in der Nacht, wie wir mehrfach erlebt haben.

Obwohl wir alles dabei hatten, haben wir uns nie selbst etwas gekocht, sondern täglich mindestens einmal warm, gut und mehr als reichlich im Restaurant oder zumindest Imbiss gegessen, was in der Ukraine überall sehr gut möglich ist, auch in den großen Städten, wenn man sich die Mühe macht, die Preise auf den Speisekarten zu vergleichen und notfalls weiter zu suchen.

Finanziell sieht die Bilanz nach einem Blick auf die Kontoauszüge so aus: "All inclusive", also mit Übernachtungen, Benzin, Motoröl, Essen und Trinken, Parkgebühren, Trinkgeldern, allen Einkäufen die wir mitgebracht haben sowie Bankgebühren etc. hat der Urlaub weniger gekostet, als hätten wir ihn auf einer Pauschalreise mit Flug und Halbpension auf Mallorca verbracht - was die preiswerteste Variante für einen Pauschalurlaub ist, eine vergleichbare Rundreise mit Bernd durch Deutschland, Süd- oder Westeuropa oder Skandinawien wäre teurer geworden - und das ohne Hotels und Restaurants zu nutzen, die hätten wir uns anderswo schlicht nicht leisten können.           

Dennoch war unser Urlaub natürlich wegen der langen Zeit nicht billig, aber wir haben lange und hart dafür gearbeitet, zumal wir nicht in jedem Jahr die Möglichkeit haben, so ausgiebig verreisen zu können...

Unbezahlbar sind jedoch die vielen Bilder, Gefühle, Gedanken und Erkenntnisse, die wir von der Reise mitgebracht haben. Die wollen wir gern mit anderen teilen, deshalb haben wir diesen Reisebericht geschrieben.


P.S.

Bernd ruht sich nun aus. An unserem letzten Urlaubstag stellen wir unser rollendes "zu Hause" im Garten, der zu unserer Mietwohnung in Leipzig gehört, ab...            



...und verwandeln Bernd in eine "public-viewing-area" für die Fußball-WM,  wo wir mit Freunden bei Grillwurst und ukrainischem Bier und unser erstes Spiel während dieser Meisterschaft sehen. (Das Foto ist von der WM 2006, aber genau so muss man sich das vorstellen.)  

Wir haben dann noch viele Spiele gesehen, im Garten, im Biergarten oder sogar an einem der vielen Seen rund um Leipzig. Auch Dank der Leistungen der deutschen Mannschaft und trotz oder wegen des heißen Sommers, der auch danach noch weitergeht, hielt und hält unsere Urlaubslaune bis heute, mitten im Juli 2010, an.

Aber das wäre dann eine neue Geschichte. Deshalb folgt hier der Schlusspunkt - das ist er: