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Ukraine 2010
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- das geht für uns nicht (mehr)!

Deshalb fahren wir nicht auf der Hauptstraße von Donjezk nach Süden, sondern weit östlicher, auf Landstraßen - um dann, ganz nah an der russischen Grenze, zum ersten Mal 

das Asowsche Meer / Азовськое Море zu sehen. Hier ist der östlichste Punkt unserer Reise.



Unser erster Strandgang ist ein wenig enttäuschend: es gibt keinerlei Infrastruktur, der eigentlich schöne Strand ist schmutzig und voller Sperrmüll. 

Schade, was schlummert hier für ein Potenzial!

Dann ein kleiner Schock: Ein Riesenwerk, eher eine Schmutzschleuder in Mariupol / Мариупол. 



Obwohl Ossis, haben wir irgendwie vergessen, wie so etwas aussieht. Wir sind zwiespältig - sollen wir das nun ganz schrecklich finden oder sollten wir uns lieber freuen, dass hier offensichtlich viele Menschen Arbeit haben? 

Nachdem wir über einen Fluss gefahren sind, wird die Stadt dann doch erfreulich Grün und die Luft ist frisch, als ob es das Werk am andren Ufer nicht gäbe. Ein Stück weiter finden wir direkt am Strand ein Restaurant mit Meerblick-Terrasse, wo wir gut essen.   

Es ist ein wirklich schöner,


fast menschenleerer Strand, gleich hinterm Hafen von Mariupol.

Doch es wird dunkel,...


...und wir brauchen noch einen schönen Schlafplatz, denn morgen ist ein besonderer Tag!  Aber hier finden wir keinen, ein Hotel, das wir sehen, hat einen hohen Stahlzaun, gekrönt von Stacheldraht wie bei einem Knast, das gefällt uns nicht.

Immer wieder führt die Straße wieder weg vom Wasser.

Im Dorf Melekine / Мелекине  biegen wir zum wiederholten Mal Richtung Strand ab. Dort steht Ferienheim an Ferienheim hinter hohen Zäunen. An einem halten wir schließlich an - uns gefällt einfach, dass hinter dem Zaun alles grün ist, so weit wir das im Dunkeln erkennen können.

Ich spreche den Wachmann am Tor an und sage ihm mein Sprüchlein auf: Wir sind deutsche Touristen und möchten gern für eine Nacht auf dem Gelände stehen, schlafen wollen wir im Auto und bezahlen würden wir natürlich auch. Der Mann ist nicht mehr ganz nüchtern, aber er greift sofort zu seinem Handy und ruft den natschalnik / начальник, den Chef an. Der kommt sehr schnell und lädt uns ein, hereinzukommen. Im Dunkeln läuft er vor Bernd her und geleitet ihn bis fast ans Wasser. Dann zeigt er uns noch die sehr sauberen "Loch-im-Boden-Toiletten", die hier sehr poppig in gemusterten original 60er Jahre-Brauntönen gefliest sind.

Nein, er will auf keinen Fall Geld, "Отдыхайте" / otduichaitje, erholt euch! sagt er. Das machen wir dann auch - mit einer Flasche Wein am abendlichen Strand. Und ab ins Bett mit Meeresrauschen!

Und dann geschieht es, dass sich Eva, die sonst immer und überall recht ängstlich ist, zum ersten und einzigen Mal in der Ukraine gruselt. Denn es erscheinen schwarze Schatten direkt neben den Autofenstern... Thomas hat seinen Spaß - der Chef des Objekts hatte uns so auf den Weg zum Strand gelotst, dass nächtliche Fußgänger rechts und links kaum noch vorbeikommen, sie müssen sich einfach so dicht am Bernd vorbeidrängeln...

km-Stand 13.200 - 250 gefahrene Kilometer


Thomas hat Geburtstag! Deshalb gibt es ein besonders schönes Frühstück am Meer, und wir machen unsre deutschen Handys an. Alle, die mit einer SMS an ihn gedacht haben, bekommen dieses Foto.    



Jetzt, bei Tageslicht, sieht man auch, warum die Leute heute Nacht so dicht am Auto vorbeigeschlichen sind - sie wollten im Dunkeln einfach auf den Betonplatten bleiben und nicht links und rechts davon im Sand versinken... 



Der Strand ist fast leer, das Wasser sauber und warm - wir baden an!

Hier wie auch an vielen andren Orten in der Ukraine muss man jedoch das "selektive Sehen" beherrschen - diese Formulierung haben wir aus einem Reiseführer über Griechenland und haben sie dort beim Reisen durchs Land verinnerlicht. Auch in der Ukraine stehen Schönes und Morbides oft eng nebeneinander. Hier, am Strand, sind es alte verrostete Aufbauten aus Eisen, die irgendwann einmal als Sonnenschutz gedient haben mögen und längst kein Dach mehr haben. Auf dem Gelände stehen viele ruinöse, nicht mehr bewohnbare Holz-Bungalows neben schicken kleinen Neubauten. Aber überall grünt es und Blumen blühen!

Am frühen Nachmittag ziehen wir weiter, zufällig treffen wir beim Abfahren noch mal den Chef und bedanken uns. "Hе за что!" - nje sa schto, keine Ursache! sagt er. 

Das ist der Eingang zu diesem gastlichen Ort.


Da unten ist noch einmal Melekine.

Wir fahren weiter - die Küstenstraße führt mal oben, mal direkt am Meer entlang. An einer der vielen Bungalow-Anlagen begrüßt uns dieses Schild: 



Wir finden es so originell, dass wir es unbedingt fotografieren müssen. (Warum es uns gefällt? Auflösung siehe Fußnote - ganz unten auf dieser Seite! )

Ein junger Mann, der offensichtlich hier arbeitet, lädt uns auf englisch (!!!) ein, hereinzukommen. (Das ist unsre erste Begegnung mit einem Ukrainer, der eine westeuropäische Fremdsprache beherrscht.)

Aber es ist uns zu früh, um schon wieder für eine Übernachtung anzuhalten. Den ganzen "Rest" des Urlaubs werden wir jedoch sagen: Da wärs bestimmt auch schön gewesen!             

Das riesige, recht gepflegte Areal direkt am Meer kann man sogar kaufen -


550.000 Dollar sind wahrlich ein unfassbares Schnäppchen dafür, wenn man die Immobilienpreise zB an der deutschen Ostsee bedenkt... Aber leider haben wir gerade nicht genug Kleingeld dabei.... 

Dann wird es ernst, denn heute ist "Punkte-Tag". Wir fahren auf die Бeлосарайcькая коса / Bjelosaraiskaja Kosa - eine schmale Nehrung,

die offenbar gerade vom Tourismus entdeckt wird:


Hier gibt viele nagelneue kleine Hotels und Einfamilienhäuser. 



Der Punkt unseres Sohnes Adam ist mitten im Asowschen Meer. (Eine unserer Regeln: Wenn beim blinden Pieken das Meer getroffen wird, zählt der nächstgelegene Ort am Ufer.)      

Da hinten, etwa 50 km Richtung Russland, ist Adams Punkt. 


Und wieder so ein sehr schöner, leerer, sauberer Strand.


Wir freuen uns darüber, dass Adam uns an diesen schönen Fleck Sand & Wasser geführt hat. 


Aber auch die Nehrung selbst ist sehr schön, neben der Straße überall klares, sauberes Wasser-


Weiter geht es, an Jalta / Ялта vorbei - denn auch das Asowsche Meer hat sein Jalta!


Allerdings ist es viel kleiner als das berühmte an der Schwarzmeerküste auf der Krim.

Und abermals fahren wir hier in eine - nun die inzwischen sechste -  "Polizeikontrolle": Ob es uns Gästen gut geht und gefällt, ist die freundliche Frage, dann dürfen wir weiterfahren. 

Immer wieder bietet sich ein toller Blick.


Unser nächstes Ziel ist die Berdjanskaja Kosa / Бердянськая Коса, die Nehrung vor der Stadt Berdjansk.

Doch vor der Spitze der Nehrung werden wir von einem Schild gestoppt: Aus die Maus, Naturschutz-gebiet. 


Weit südlich davon, mitten im Meer, auf halbem Weg nach Kertsch auf der Krim, ist jedoch Evas Punkt

 


So peilen wir ihn von einer andren Stelle der Berdjanskaja Kosa aus an.


Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm - Adam und Eva, Sohn und Mutter, sind mit ihren Punkten im Asowschen Meer nur etwa 100 Kilometer voreinander entfernt...

(Das wäre dann übrigens der Zufall Nr. 3 beim blindem Pieken in die riesige Landkarte, nach Kristins Treffer neben dem polnischen Adamowka und dem von Thomas unweit von Tomaschgorod im Norden der Ukraine, wo wir ja schon waren... Später auf unserer Reise kommt übrigens noch solch ein Zufall, von dem wir aber heute noch nichts ahnen...)  

Erst einmal haben wir zwei Punkte an nur einem Tag erreicht, dabei sehr viel gesehen und Sommer, Sonne, Strand genossen - doch wo werden wir heute schlafen?

Mein Charme und der Spruch von den "deutschen Touristen, die auf dem Gelände im Auto schlafen und dafür auch bezahlen wollen" versagen völlig bei einem kleinen Mütterchen mit Kopftuch und Reisigbesen, die am Eingang eines alten, aber schönen Ferienobjekts vor sich hin fegt. "Нет!" / Njet sagt sie nur, und das mehrfach. Dann eben nicht...

Wir suchen weiter auf der Kosa nach einem Stellplatz oder Hotel, finden schließlich ein unscheinbares Schild, das zur "Turbasa Lasurnaja" / Турбаза Лазурьная, der "Lasurblauen Touristenbasis"  weist. Wir vermuten hinter diesem Namen einen Campingplatz...     

...und finden dieses neue Hotel, nicht in lasurblau, sondern ganz in Rosa...


Das große Zimmer mit Bad kostet 450 Griwna, damit wird es zum Preis-Spitzenreiter, und das wird auch bis zum Ende unserer Reise so bleiben. Aber schließlich ist heute Geburtstag, da soll es für den Thomas auch schön sein, meint die Eva. Die Frauen von der Rezeption halten die  Köchinnen davon ab, nach Hause zu gehen. Wir essen Suppe, Salat und "домашние пелмени" / domaschnije pelmeni, hausgemachte Teigtaschen. Das kostet 90 Griwna - ein Trinkgeld lehnt die Kellnerin sehr freundlich, aber ausdrücklich ab.   

Unser  Zimmer hat natürlich Meerblick...


... und so lassen wir den Geburtstag auf dem abendlichen Balkon mit einem "Feierabendbier" ausklingen und philosophieren lange über dies und das, den Kommentar dazu liefern die Wellen, die draußen leise, aber weise schwappen.

km-Stand: 13.333 - 113 gefahrene Kilometer

(So haben wir übrigens am Geburtstag von Thomas, wie wir hinterher zu Hause ausrechnen werden, heute am Aowschen Meer genau die Hälfte der Strecke erreicht, die wir insgesamt fahren - irgendwo zwischen Adams und Evas Punkt.)       


Auch dieser Tag verspricht, schön zu werden! Wir bekommen Frühstück, sehr leckere Spiegeleier, Orangensaft und Kaffee und werden behandelt, als seien wir der Schah von Persien mit seiner Farah Diba. Ein tartarisch aussehender Mann schleppt, ohne dass wir darum gebeten hätten, für uns zwei Liegen an den Strand, er hat einen rosa OP-Anzug an und durchweg güldene Zähne im Mund. Schon gestern war er uns aufgefallen, denn er lief gebieterisch um sich schauend auf dem Gelände herum, da war der OP-Anzug grün - und wir waren überzeugt, er sei Hotelgast. Aber wie sich später herausstellt, ist das der tadschikische Koch des Hotels, dessen einzige Aufgabe es ist, den Schaschlik-Grill zu bedienen, der jedoch gestern gar nicht in Betrieb war. 

Wir sind die einzigen Gäste, wie es wieder einmal scheint!        

So sieht einer aus, der vor einem Tag wieder mal ein Jahr älter geworden ist.


Thomas, "deine Füße sehen so zufrieden aus!"


(Aus welchem Film nur ist dieses Zitat? Bitte um Antwort im Gästebuch!)

Unsere gute Laune ist kein Wunder, denn das Wasser ist warm und sauber, und der Strand ist schön.


Zu allem Überfluss treffen wir hier...


... schon wieder einen Doppel-Gänger unsres längst verblichenen Hundes Fritz.

Doch dieser hier hat sogar einen Namen, Winnie Pooh / Вини Пух - und gehört zu einem älteren Mann, der für das Hotel den Strand aufräumt.

Später, auf der Restaurant-Terrasse, taucht auch der Besitzer des Hotels auf, er scheucht ein bisschen das Personal und umschwänzelt uns, damit wir länger bleiben. Ja, es ist wunderschön, aber wir wollen doch noch so viel von der Ukraine sehen! Und so bedauern wir, weiter zu müssen und geben den Tip, das Hotel ins Internet zu stellen - haben aber den Verdacht, dass Cheffe nicht so richtig weiß, was das ist, geschweige denn, was und wen man damit alles erreichen kann... Wir wünschen dem Haus jedenfalls viele Gäste und eine gute Saison, noch hat sie ja gar nicht richtig angefangen...   

Über Genitschesk / Геническ, eine grüne kleine Stadt, nähern wir uns der Kosa Arabatskaja, einer langen Landzunge an der Ostseite der Krim - etwa 130 Kilometer! Auf unserer Karte sieht es aus, als würde sie bis auf die Krim führen. An der Brücke zur Kosa fragen wir einen Polizisten, ob es hier eine Straße bis auf die Krim gibt. Das verneint er sehr ausdrücklich.

Aber wir fahren trotzdem weiter, denn im Internet hatten wir auf einer russisch/ukrainischen Seite herausgefunden, dass es hier, gleich in der Nähe von Genitschesk, einen richtigen Campingplatz gibt! Und wir finden ihn tatsächlich, aber hier wird noch gewerkelt, denn er öffnet erst am 15. Juni.

Also weiter, wieder einmal in einem Ferienheim mit Bungalows fragen, ob wir bleiben dürfen. Der Leiter, an den uns einige Handwerker verweisen, taucht jedoch eine halbe Ewigkeit nicht auf. Schade!

Schließlich treffen wir in einer anderen Bungalowsiedlung eine patente Frau, die uns aufs Gelände einlädt. Es handelt sich um ein Betriebsferienheim, das noch keine Gäste hat - nur "Abgeordnete" der Firma, die alles für den Urlaub ihrer Kollegen vorbereiten.

Für 100 Griwna dürfen wir hier bis morgen stehen. 


Bernd schaut -wie auch wir - auf den Strand. Er bekommt Strom - und wir Besuch. Wir grüßen freundlich einen Mann in unserem Alter - und merken zu spät, dass er sturzbetrunken ist. Da wir neben unsrem Tisch drei Stühle aufgestellt haben ( Eva wollte eigentlich die Beine hochlegen... ), lässt er sich auf den freien Stuhl plumpsen. Er heißt Вася / Wasja und arbeitet hier. Mühsam, so weit es ihm noch möglich ist und unter Aufbietung all unserer Höflichkeit, kommt ein Gespräch zu Stande. Er lacht bitter über uns Deutsche, die freiwillig in die Ukraine fahren. Dann fängt er an, "herumzubaggern" - verbal und handgreiflich, so, als ob Thomas gar nicht da wäre. Ich hau ihm mit meinem Reiseführer heftig auf die Finger und wir flüchten ans Meer,

das uns sofort wieder versöhnt.


Später entschuldigt sich die "Chefin" für Wasjas Verhalten. Es ist Abend geworden und wir finden ein kleines Restaurant, wo wir schlemmen: Suppe, Pelmeni, knuspriges Hühnerschnitzel mit Salat und Pommes, vier Bier, 100 Gramm Wodka, am Schluss für jeden ein Eis - und das alles für nur 145 Griwna. (Ich glaube, ich muss wieder einmal schreiben, dass der Umtauschkurs 1:10 ist!) Unser Trinkgeld verwirrt das Mädchen, das uns bedient, total.

Relativ schnell "verstecken" wir uns im Bernd (Wasja!), aber der schläft sicher seinen Rausch aus - er taucht nicht wieder auf.

km-Stand: 13.572 - 239 gefahrene Kilometer




Am nächsten Morgen, nach dem Frühstück, gehen wir noch einmal ausgiebig baden. Bei der Abfahrt sehen wir eine verblichene Schrift am Betonzaun dieser Bungalowsiedlung: das Ferienheim heißt  Juri Gagarin / Юрий Гагарин.

Dann erobern wir die Kosa Arabatskaja / Коса Арабатськая, die in keinem unserer Reiseführer auftaucht.

Am Anfang fahren wir noch auf einer richtigen Straße, dann verwandelt sich der Asphalt in Schotter. Irgendwann lassen wir die letzten Häuser hinter uns

- und dann ist da nur noch ein Sandweg. 


Die vom Wind geschliffenen großen Querrillen im knochenharten Sand sind ein schweres Stück Arbeit für Berndi - und auch Thomas schuftet beim Fahren, ständig muss er versuchen, riesigen Kuhlen auszuweichen. Schneller als mit 15 km/h kann man hier nicht fahren.

Wir haben keine Ahnung, wie weit wir kommen werden (auch eingedenk der Auskunft des Polizisten, dass man hier nicht fahren kann). Doch es ist so ursprünglich und leer und wunderschön, dass uns egal ist, ob wir irgendwann umkehren müssen.

Statt auf Urlauber...


treffen wir auf diese Kühe beim Sonnenbad.


Manchmal ist die Kosa so schmal,


dass auf der einen Seite das Meer, auf der anderen ein Bodden, sich fast berühren. Welche Überraschung, welche Schönheit! Dennoch müssen wir wieder einmal das "selektive Sehen" üben: Am Strand und im Grün daneben liegt den ganzen Weg entlang viel Müll, vor allem leere Plasteflaschen. Überbleibsel von wilden Strandpartys? Dafür ist es hier zu menschenleer. Wir tippen eher auf Treibgut.

Denn nur ab und zu - insgesamt etwa zehn mal auf rund 100 Kilometern - treffen wir Leute, die mit ihren Autos am Strand stehen und wie wir die Einsamkeit genießen.    



Überall sind bunte Disteln und Trockengräser, auf der Meerseite krachen die Wellen an den Strand, am sumpfigen Rand des Boddens wächst Schilf, dort sind Schwäne und Kraniche. Riesige Libellen tanzen um uns herum und Seeschwalben im Liebestaumel singen und schreien. Wir halten inne, sehen, hören, riechen und spüren den Wind.

Noch immer ist die Frage nicht beantwortet, ob wir umkehren müssen. Doch am Horizont tauchen Berge auf - das muss die Krim / Крым sein.



Irgendwann verwandelt sich der Sandweg wieder in eine Schotterstraße, wir fahren an einer endlosen Mohnwiese vorbei.



Dann sind wir in einem kleinen Ort - und unsere Karte verrät uns, dass wir wirklich und wahrhaftig auf der Krim sind. Ein Dorf weiter gibt es in einem Straßenrestaurant etwas zu essen. 

Östlich von Kertsch, am äußersten Zipfel der Halbinsel Krim,  verbindet eine Fähre die Ukraine mit Russland.

Die wollen wir sehen! Doch weiter als bis zu dieser Sperre kommen wir nicht...


Also zurück nach Kertsch / Керчь.



Am Stadteingang spendieren wir dem tapferen Kosa-Bezwinger Bernd erst einmal eine Wäsche (65 Griwna). Für die Immigration-Card, die man bei der Einreise in die Ukraine ausfüllen muss, braucht man eine "Zieladresse" (auch wenn es danach niemanden interessiert, wo man im Land dann wirklich hinfährt). Zu diesem Zweck hatte uns unser Kollege Sergej die Adresse seiner Mama gegeben, wir wollen ihr morgen einen Blumenstrauß vorbeibringen. So frage ich die Leute in der Autowäsche, wie man dort hin kommt. Keiner kann helfen, aber die Frau von der Wäsche erkundigt sich nebenan in einem Restaurant - und schließlich stehen um uns herum ein Haufen Frauen beieinander und plappern mit uns über alles Mögliche. Ohne sich halbwegs auf russisch verständigen zu können, wäre dieser Urlaub nur die Hälfte wert!

Schließlich ist Berndi wieder richtig schick, sogar die Scheiben sind von Hand gewienert. Und es wird dunkel - und wir wissen wieder einmal noch nicht, wo wir heute schlafen.

Also auf in die City! Einer unserer Reiseführer empfiehlt das preiswerte "Hotel Kertsch" / Керчь, ab 130 Griwna pro Person. Es ist ein großes, helles Haus mit Hafenblick. Eva also hinein, mit ihrem alten Kordröckchen, ausgelatschten Sandalen und dem heißgeliebten, schon arg mitgenommenen Rucksack. Eine riesige Lobby, Marmor, Stahl und schweres Leder, ein Rezeptionist im schwarzem Anzug, der aber völlig entspannt ist, als mich sieht. "Ausländer!" wird er denken... Unser Reiseführer ist 2009 erschienen, offenbar wurde hier inzwischen saniert. Nein, ein Zimmer für 1.000 Griwna ist uns zu teuer und eins für 800 auch.

Gut so, denn nun erwartet uns ein andres, viel abenteuerlicheres Hotel - nämlich das Lasurni / Лазурни am Stadion, das wir ebenfalls im Reiseführer gefunden haben. Hier wird Eva das erste und gleichzeitig letzte Mal in diesem Urlaub feilschen. Denn: Ja, Zimmer sind frei, für 300 Griwna, aber es gibt kein Wasser. Ohne Wasser ist das ganz schön teuer! - Letztendlich zahlen wir 250 Griwna + 30 fürs Parken (auf dem Fußweg direkt an der Treppe vor der Tür, damit der Rezeptionsmann den Bernd gut sieht). Dann bekommen wir die Schlüssel...

... und gehen die Treppe hoch. Dort erwartet uns dieser Flur. Was macht ein normaler Mensch, wenn er in so ein Hotel kommt? Schreiend weglaufen? Das Geld zurückverlangen? Wir müssen einfach nur lachen, so fassungslos sind wir.  


Unser Zimmer hat als einziges eine neue Tür und - Überraschung! - es ist frisch gemalert, neu eingerichtet und hat auch ein Bad mit Klo und Dusche. Es scheint die "Fürstensuite" des Hauses zu sein - nur ausgerechnet heute halt ohne Wasser. Aber die Klospülung ist gefüllt und es steht ein großer Eimer mit Wasser da. Außerdem eine volle 5-Liter-Flasche. Ja, wir haben dort gut geschlafen.   

km-Stand:13.808 - 236 gefahrene Kilometer


Wie waschen sich zwei erwachsene Leute mit nur einem Eimer Wasser? Beide stellen sich nackt in die Dusche - und dann wird abwechselnd mit einem Waschlappen Körperteil für Körperteil gereinigt, wichtig dabei: Konsequent von oben nach unten arbeiten! Das Wasser in der Fünf-Liter-Flasche ist für Eva reserviert: Zum Haarewaschen.

Weil das Hotel immer noch keine Wasser hat, gibt es hier auch kein Frühstück, aber wir bekommen die Empfehlung für und die Wegbeschreibung zu einem Imbiss, wo es hervorragende Blini / блины  (Eierkuchen/Pfannkuchen) geben soll. Der Tip war gut, wir essen je drei von den frischen, heißen Dingern, mit Smetana / сметана (saurer Sahne, die es mit so hohem Fettgehalt in Deutschland gar nicht gibt), Mjod / мед - Honig und Dshem / джем - also Jam, Marmelade.

(Kleiner Sprachexkurs: Letzteres ist eins der lustigen Lehnwörter, die man zum Teil schon vor Jahrhunderten in die russische Sprache aufgenommen hat, als Novitäten aus Westeuropa Russland eroberten. Davon gibt es viele. Da ist zum Beispiel der Parikmacher / парикмахер, der Perückenmacher. Noch heute werden Friseure im russischsprachigen Raum so genannt. Neuer ist das  Buterbrod / бутерброд - die Stulle oder Bemme, auf der jedoch meist auch Wurst ist. Evas Lieblingswort ist seit Jahrzehnten der Bjustgalter / бюстгальтер - der BH, den man hier allerdings auch Liftschik / лифчик nennt - was noch witziger ist, denn das ist die Verkleinerungsform vom Fahrstuhl, der was nach oben trägt... In den letzten Jahren sind Vokabeln wie Bisnesmjen / бизнесмен - Businessman oder uik end / уик энд - week end dazu gekommen. Ich benutze hier wie immer auf unseren Seiten absichtlich eine deutsche, genauer die DDR-Transkription, weil ich die mal gelernt habe. Bestimmt erinnere ich mich dabei ganz oft völlig falsch, ihr Sprachkundigen dieser Welt, vergebt mir! Die jetzt überwiegend gebräuchliche englische finde ich jedoch für Deutsche nicht besonders hilfreich... Exkurs конец / konjez - Ende) 

Dann haben wir ein bisschen ein schlechtes Gewissen, weil wir so faul sind:    Als wir unserem Archäologie studierenden Sohn Bruno erzählt hatten, dass wir auch nach Kertsch fahren, bekam der leuchtende Augen. Denn hier war die antike Stadt Pantikapeion, die vor über 2.000 Jahren die Hauptstadt des Bosporanischen Reiches war, auch mehrere antike Herrschergräber gibt es hier. Aber ist so heiß heute! Uns zu heiß, um auf den Mithridatesberg mitten in der Stadt zu steigen, wo man antike Ruinen besichtigen kann.

Statt dessen fahren wir ganz in den Westen der Stadt, kaufen auf dem Markt einen Blumenstrauß für die Mama von Sergej und stellen ihn, da wir sie nicht antreffen, mit einem schriftlichen Gruß vor die Tür.

Es ist eine sehr ruhige, grüne Gegend,


in der Sergej aufgewachsen ist. Und sein Geburtshaus ist nur etwa 200 Meter vom Meer entfernt,

wo sich dieser  Blick bietet.


Weiter geht es, von Kertsch im Osten der Krim wieder nach Westen, mit einem Abstecher ans Kap von Kasantip / Казантип. 

In der Nähe des Kaps sollte, noch in den frühen 90ern, lange nach dem Gau von Tschernobil / Чернобыл, ein Atomkraftwerk ans Netz gehen. Doch dann löste sich die Sowjetunion in ihre Bestandteile auf, die Ukraine wurde ein selbständiger Staat mit einer Parteienlandschaft. Den ukrainischen Grünen ist es zu verdanken,...

... dass dieses Monstrum nie richtig fertig wurde.


Das große Gelände ist völlig offen und frei zugänglich


- so können wir dort herumfahren und Fotos vom Meiler machen. Einige Leute arbeiten dort - es erinnert uns an ABM-Kräfte, die nach dem Ende der DDR ihre Werke demontiert haben. Hier könnte das noch einige Jahrzehnte dauern.

Überall im Grün, das sich bemüht, alles zu überwuchern, finden sich noch die "Insignien" der Auftraggeber des Kraftwerkbaus - auch verblichene Losungen, die verkünden, dass die Partei einzigartig und weise ist...

   


Das nie ans Netz gegangene Atomkraftwerk war übrigens über mehrere Jahre Austragungsort eines Techno-Festivals, sozusagen der "Love-Parade des Ostens". Anfangs spontan und Geheimtip, wurde es bald kommerziell - und weil immer mehr Leute kamen, die die - ohnehin nicht vorhandene - Infrastruktur sprengten, wurde es schließlich in den Westen der Krim "umgelagert".

Das Kap Kasantip selbst ist ein steiniger Hügel, von dem man sicher einen tollen Blick aufs Asowsche Meer hat. Aber Thomas kann Eva nicht dazu bewegen, dort hin zu laufen, denn der Reiseführer sagt, hier gäbe es jede Menge Giftschlangen.   Frei herumlaufende Schlangen, und dann auch noch giftig:  Nein, nein und nochmals nein! Thomas gibt sich geschlagen - zumal es so heiß ist...

So fahren wir wieder zurück Richtung Hauptstraße, machen noch ein "Abschieds-Picknick" am Asowschen Meer...


... und werfen eine Münze hinein, damit wir wiederkommen.

Wir fahren durch Iljitschewo        


und Lenino.


Ein Wladimiro - um den Namen komplett zu machen - scheint es jedoch nicht zu geben...

Beim Weiterfahren grüßt uns eine erste Moschee, an der noch gebaut wird. 


Die Krimtartaren, die über Jahrhunderte hier gelebt hatten, bis Stalin sie vertrieb, kehren in ihre alte Heimat zurück.

Als wir uns, nach einigen Kilometern über Land, wieder dem Meer nähern, ändert sich die Landschaft,

vor uns tauchen die ersten Berge auf.


In Koktebel / Коктебель suchen wir nach einem Stell- oder Campingplatz. Aber alles was wir finden, ist uns zu weit vom Strand entfernt. So essen wir dort in einer tartarischen Imbissbude Tschebureki / чебуреки - das ist so etwas ähnliches wie Eierkuchen/Pfannkuchen, nur knuspriger, in der Mitte zusammengeklappt und gefüllt, in diesem Fall mit sahnigen Pilzen. Schmeckt sehr gut! Und weiter gehts!

Schließlich landen wir, nach einer halsbrecherischen Fahrt durch enge Gassen ans Wasser hinunter, in Sudak / Судак am Strand, direkt unter einer genuesischen Festung. Hier wollen wir heute schlafen!    

Wo ist Bernd?


Das lange Suchen nach einem schönen Stellplatz hat sich gelohnt!


Abend am Meer in Sudak


Verfressen wie wir sind, essen wir am Strand in einem Restaurant noch einmal und trinken dazu unsre erste Flasche Wein aus Koktebel, der süß und schwer ist. Als wir uns im Bernd zur Ruhe begeben, der ja direkt auf der Strandpromenade steht, kommt ein alter Lada und bleibt neben uns stehen. Heraus purzeln mehr Jugendliche, als eigentlich in so ein Auto passen. Sie haben Bier, Kola, Wodka und Wasser dabei und breiten auf der Motorhaube etliche Sakuski / закуски - Vorspeisen, also kleine leckere Happen, aus. Sie feiern irgendetwas, lauter Jungs, und mittendrin ein einziges Mädchen, das mit einer sehr schönen tiefen Stimme gurrt und lacht. Es macht Spaß, die Truppe zu beobachten. Natürlich haben sie uns bemerkt, Eva liegt zwar schon im Bett, aber auf den Gruß von Thomas kommt ein fröhlicher Gruß zurück. 

km-Stand: 14.060 - 252 gefahrene Kilometer


Am nächsten Morgen weckt uns sehr früh lautes Hupen der Müllabfuhr, wir stehen genau vor den Tonnen...       

Der Tag wird schön wie der zuvor, obwohl es in der Nacht kurz geregnet hatte.


Und so badet Thomas noch vor dem Frühstück im


Schwarzen Meer, dem  Tschornoje Morje / Черное Море an. Er ist halt ein Kerl und viel mutiger als Eva (siehe: die Schlangen von Kasantip!) - denn sein Ekel-Feindbild sind Quallen. Und von denen hatten wir gestern von der Landungsbrücke aus mehr als genug gesehen...  

Weiter geht die Reise, die Küstenstraße entlang, in einem kleinen Kurort, wo viel gehämmert und gebaut wird, frühstücken wir in einem Strandlokal.

Immer wieder führt unser Weg durch Atem beraubende Berge.



An vielen Stellen wächst Wein -


aus dem auch der berühmte Krimsekt, Krimskoje Schampanskoje /крымское шампанское gemacht wird.

Auftrags-gemäß halten wir in Gursuf / Гурзуф.


Hier ist Artek / Артек, das berühmte riesengroße Kinder-Ferienlager aus sowjetischer Zeit. Unsere Schwägerin und Freundin Anita war in den frühen 70ern hier. Sie hat sich ein paar Fotos gewünscht, um zu sehen, was sich inzwischen verändert hat. Wie wir vor dem Urlaub herausbekommen hatten, musste das Ferienlager nach der Unabhängigkeit der Ukraine schwere Zeiten durchstehen. Es war fast bankrott, als die Regierung eingriff, denn das Weiterbestehen des Lagers hat großen Symbolwert für viele in der ehemaligen Sowjetunion. Jetzt untersteht Artek dem ukrainischen Sportministerium und kommt so irgendwie zum nötigen Geld. Ein Zwei-Wochen-Aufenthalt kostet heute pro Kind dennoch etwa 200 Dollar, so dass das Lager nicht mehr für alle offensteht... Trotz der ideologisch belasteten Vergangenheit ist es heute noch eine Prestigefrage, sagen zu können: Mein Kind war im Sommer in Artek!

Wir sind jedoch keine Ferienkinder und kommen deshalb nicht hinein, das Lager ist umzäunt und wird von Polizei und privatem Wachschutz beschützt wie Fort Knox.       

So können wir nur diesen Blick auf den Felsen erhaschen, der ein Wahrzeichen von Artek ist.


Tröstlich ist jedoch:  Immerhin dürfen die  Einwohner von Gursuf an den Strand.


Schließlich sind wir dann in Jalta / Ялта - ein Name, der bei jedem Menschen aus dem russischsprachigen Raum, den wir kennen oder dem wir unterwegs schon begegnet sind, verträumte Blicke erzeugt.

Wir finden einen Parkplatz für Bernd nahe am Wasser - dann beginnen wir eine Strandpromenaden-Inspektion. 



 


Mc Donald`s ist hier angekom-men, ohne Lenin (hinten links) seinen Platz streitig zu machen.


Ja, es ist ein widersprüchliches Land auf einem schwierigen Weg. Als wir an der Strandpromenade einen Kaffee trinken, sagen wir auf die Frage des Kellners, der vermutlich ein klein wenig jünger ist als wir, dass wir deutsche Urlauber sind. Und wie sehr uns die Ukraine begeistert: Es ist ein schönes, ein reiches Land, sagen wir, mit Bodenschätzen, schwarzer fruchtbarer Erde, unzähligen Chancen für internationalen Tourismus und vor allem fantastischen Menschen.

Der Kellner desillusioniert uns: Die Ukraine sei voller Korruption, Prostitution, Kriminalität, ein Land nicht der dritten, sondern der fünften Welt. Wer wirklich Geld hat, schlepppt es ins Ausland, statt hier zu investieren. Und auch die klugen Köpfe des Landes gehen nach Westeuropa oder Amerika. Die Alten müssen bleiben und vegetieren unter dem Existenzminimum, es gibt keine Chancen für die mittleren Jahrgänge und schon gar keine für die Jugend. Die EU kann und will seinem Land nicht helfen, sagt er, geschweige denn es als Mitglied haben. Er glaubt aber auch, bei einer Einheit mit Russland würde das Land zum ungeliebten Anhängsel des großen Nachbarn, attraktiv nur durch Kohle, Stahl und Getreide. All das würde sich Russland dann unter den Nagel reißen, die Ukrainer jedoch würden leer ausgehen. Nein, er war nie ein Freund der alten sowjetischen Verhältnisse, aber so wie es jetzt ist, gibt es auch keinerlei Hoffnung für das Land. 

Er hat sich in Rage geredet - und entschuldigt sich dafür. Nein, das muss er auf keinen Fall, denn er ist die ganze Zeit freundlich zu uns geblieben. 

Aber unsere blendende Urlaubslaune ist etwas gestutzt, als wir weitergehen. Dennoch sind wir für diese Begegnung sehr dankbar, so nah sind wir hier noch keinem anderen Menschen gekommen. Und deshalb wissen wir auch nicht, in wie weit der Kellner die Meinung der anderen 46 Millionen Einwohner des Landes repräsentiert...

Natürlich wissen wir vom Durchschnittseinkommen von 200 Euro, von einem  Gesundheitssystem, bei dem alles, was über eine minimale Grundversorgung hinausgeht, teuer bezahlt werden muss, von den erbärmlichen Renten, von Konflikten zwischen Ukrainern und Russen, die immer wieder aufbrechen, obwohl sie seit Jahrhunderten gemeinsam hier leben und vieles mehr. Wir sind nicht blind losgefahren. Aber nun haben diese nackten Informationen ein emotionales Gesicht bekommen, das Gesicht dieses Mannes.   

Das beschäftigt uns, während wir noch einmal zur Mole gehen, wo viel Geld in Form von Jachten unterwegs ist...


Und es wird uns auch weiter auf unsere Reise begleiten, die Begeisterung nicht wirklich dämpfen, aber uns manchmal nachdenklich machen, wenn wir neben einem alten Lada einen 500er Mercedes sehen...  

Immer noch ziemlich still gehen wir zum Parkplatz zurück, um dann mit dem Auto die Seilbahn zu suchen, die irgendwo in Jalta sein soll und hoch über die Stadt führt. Noch ehe wir bei Bernd sind, stolpern wir regelrecht über den Zugang zur Bahn, er ist fast mitten im Zentrum.

Für 60 Griwna kommen wir beide den Berg hinauf und wieder hinunter. Es ist mehr ein Seil-Bähnlein, mit kleinen Kabinen für nur zwei Leute.


Oben treffen wir die ersten Deutschen seit Kiew! Ein älteres Ehepaar aus Hessen, das eine Dnjepr-Kreuzfahrt macht und nun am Schwarzen Meer angekommen ist, sie haben Landgang in Jalta. Ja, es gefällt ihnen, obwohl man auf dem Schiff nicht allzu viel Bewegungsfreiheit hat...

  


Uns erschließt sich erst hier oben und bei der Rückfahrt hinunter wirklich, warum Jalta diesen märchenhaften Ruf als "Perle der Krim" hat.



Es ist ein wenig Cote d`Azur-Feeling, das man hier bekommt...  Die Seilbahn fährt über schicke Hotels mit Pool hinweg...

... aber auch "ganz normale Leute" scheint es in Jalta noch zu geben.


Unten beschließen wir, mit Bernd weiter zu fahren - wir wollen auf keinen Fall in der trubligen Stadt bleiben, sondern an irgendeinem schönen Strand schlafen.


Aber noch ist der Abend weit - und so besuchen wir den Park um den traumhaft oberhalb des Meeres gelegenen     


Livadia Palast, Liwadiski dworjez / Ливадийский дворец, westlich von Jalta. Hier fand im Februar 1945 die "Krimkonferenz" mit Stalin, Roosevelt und Churchill statt. Fürs Museum, das daran erinnert, sind wir zu spät gekommen, aber wir machen einen langen Spaziergang, ein großer Trakt des Schlosses ist Kurklinik oder Krankenhaus, wie wir hinter den Fenstern sehen. Die Patienten, denen wir im Park begegnen, scheinen Leute mit ganz normalen ukrainischen Geldbeuteln zu sein, die sich hier am Meer erholen - schön dass es das hier auch noch gibt! Nach der Begegnung mit dem Kellner in Jalta achten wir besonders auf Details.    

Thomas isst in einer Kneipe einen Salat, ich probiere Kascha / каша, Buchweizengrütze, sie schmeckt! - und weiter gehts.

Auch am "Schwal-bennest",


Lastotschkino gnesdo / Ласточкино гнездо, dem Wahrzeichen der Krim, kommen wir natürlich vorbei. Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut, ist es heute ein Restaurant.

Die ganze landschaftlich zauberhafte bergige Südküste der Krim entlang haben wir dieses vertraute Cote d`Azur - Deja Vu, das schon in Jalta begann.

Aber jetzt erleben wir die nicht so schöne Seite davon: Das Meer ist so zugebaut und eingezäunt, dass man nirgends richtig ans Wasser kommt. Thomas wundert sich, dass es außerhalb der Zäune kaum Infrastruktur gibt. Aber vielleicht haben die Gäste der Heime und Hotels "Vollversorgung", Essen, Trinken, Schlafen, Baden - ohne die Ferienanlage verlassen zu müssen... Wozu dann also außerhalb eine Infrastruktur aufbauen? mutmaßt Eva.   

Wir wollen jetzt wirklich einen Platz am Strand finden, aber das gestaltet sich schwierig: In mehreren kleinen Orten versuchen wir vergeblich, auf engen zerschundenen Gassen bis ans Meer zu kommen, erst tief hinunter, dann steil wieder hoch. Armer Bernd!

Ich schaue auf die Karte - gleich hinter der nächsten Kurve wird die Straße das Meer verlassen... Und wir werden irgendwo an einem langweiligen Straßenrand schlafen... Da steht genau vor dieser Kurve, oberhalb des Örtchens Saritsch / Cарыч, dem südlichsten Zipfel der Krim, plötzlich ein Motel. Ja, es ist etwas frei, für 350 Griwna. Die Wirtin geht mit mir eine Treppe hoch, ich kann aussuchen, ob wir Zimmer 10 oder Zimmer 11 wollen. Die Treppe ist zu Ende, eine Tür öffnet sich -

und ich stehe auf einer riesigen Terrasse mit  Meerblick.


Die Zimmer sind eingerichtet wie Hochzeitssuiten.

Ich entscheide mich für die 11, weil sie nicht ganz so kitschig ist wie die 10 und Glasfronten nach zwei Seiten hat - es ist ein Eckzimmer.


Ich hole den Thomas, permanent kichernd ob dieses unerwarteten Komforts. Auch der ist erst einmal sprachlos und schaut hinunter auf Felsen und Meer. Unser Ziel, am Wasser zu schlafen, haben wir freilich nicht erreicht. Aber das hier ist eine äußerst akzeptable Alternative. Und auch das Essen lohnt den Aufenthalt, wir krönen es wieder mit Wein aus Koktebel. Die sehr junge Kellnerin kann ein bisschen auf deutsch zählen, ihr Papa war als Offizier in Potsdam stationiert, sie freut sich, dass wir dort auch einmal gewohnt haben. In der Küche arbeiten mehrere ältere Frauen und basteln an vielen kulinarischen Kleinigkeiten - sehr lange, obwohl wir inzwischen die einzigen verbliebenen Gäste sind.

km-Stand: 14.278 - 218 gefahrene Kilometer  


Wir schlafen gut, lange und kühl - denn das Zimmer hat, wie fast alle anderen auch, die wir unterwegs kennen lernen, eine Klimaanlage. 


Geweckt werden wir schließlich vom Sommer vorm Balkon und dem russischen Frühstücks-Fernsehen.


Auf der Terrasse verabschieden wir uns nun wirklich von der bergigen Südküste der Krim. 

 

Dann gibt es Frühstück im Garten des Motels. Die Chefin, die gestern mit in der Küche gearbeitet hatte, ist heute eine regelrechte Erscheinung: Sehr elegant, perfekt geschminkt, erwartet sie heute Gäste zu einem Bankett. Deshalb ist hier gestern so lange von so vielen Menschen gekocht worden!


Tip an alle, die hier entlang fahren: Anhalten! Das Eckzimmer oben hinter der Terrasse ist die von uns "beschlafene" 11, links davon die 10 - aber auch ohne Übernachtung lohnt ein Aufenthalt in diesem auf der ersten Blick gar nicht so sehr attraktiven Haus. Denn dahinter ist der riesige, verwinkelte, schattige Restaurant-Garten, in dem man wunderbar essen kann (russisch und/oder tartarisch, auch vom Grill ) - und sehr preiswert ist es auch!  

 

Wir fahren weiter - heute steht Sewastopol / Севастополь auf unserem Reiseplan. Hier ist ein strategisch wichtiger Punkt der Krim, und so gab es an diesem Platz schon Siedlungen der alten Griechen.    

Die Stadt am Meer wurde unter Katharina der Großen neu gegründet, als Russland in den Süden expandierte.


Folgerichtig ist hier seit dem 18. Jahrhundert der Haupt-Stützpunkt der russischen Schwarz-meerflotte  ...

... was jedoch seit der Unabhängigkeit der Ukraine immer wieder zu Streit mit Russland führt. Dazu muss man wissen, dass die Krim erst seit 1954 zur Ukraine gehört. Nikita Chrustschow / Никита Хрущёв, selbst Ukrainer und damals Staats- und Parteichef der Sowjetunion, "schenkte" die bis dahin russische Krim seinem Vaterland. Ein rein symbolischer Akt damals - niemand konnte ahnen, dass das Konstrukt UdSSR einmal auseinanderbrechen würde... Heute ist die Krim, deren Einwohner zu 60 Prozent Russen sind, eine Autonome Republik innerhalb der Ukraine. Sewastopol hat einen Sonderstatus, weil hier die Flotte liegt. Die Ukraine hat sich zähneknirschend mit den russischen Schiffen und Matrosen hier abgefunden, duldet jedoch keine Atomwaffen und Atom-U-Boote in ihren Häfen.

Der letzte Stand der Dinge, von dem wir im April 2010 gelesen haben, ist der, dass es einen neuen Vertrag gibt: Die Schwarzmeerflotte darf bis 2048 auf der Krim bleiben - dafür bekommt die Ukraine 30 Prozent Rabatt auf alle russischen Gaslieferungen.    

Also werden die russische und die ukrainische Flagge hier weiter nebeneinander wehen... 


Als wir Bernd direkt am Zugang zum Wasser parken, kommt uns eine emsige Frau entgegen und wirbt für eine Rundfahrt mit dem Schiff für 60 Griwna pro Person. Warum nicht?   

Unten am Wasser warten viele Ausflugs-dampfer,


unserer ist dieser, einem Segelboot nach-empfundene.

Los geht es, durch den Hafen,... 



... an vielen russischen Kriegsschiffen vorbei.





Auch ein altes,  ziemlich verrostetes U-Boot nimmt am Foto-Shooting für die Touristen teil.


Uns und sicher auch den anderen auf unserem Ausflugs-Schiffchen ist klar,


dass das nicht repräsentativ für die mächtige Schwarzmeerflotte sein kann. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar! (Auch wenn das hier anders gemeint   ist, als im "Kleinen Prinzen".)

Also halten wir uns an das Offensichtliche:

Mächtige Denkmäler an der Hafeneinfahrt, die an hier geschlagene Schlachten erinnern.


Aber überall, und das finden wir sehr sympathisch, sind Leute, die sich um all diese Geschichtsträchtigkeit einfach nicht scheren:

Sie baden, überall, wo man halbwegs ans Wasser heran-kommt, mitten in der Stadt.   


Es ist Sonnabend, offenbar ein Tag für große Entscheidungen, denn wir sehen...

Brautpaar...


...und Brautpaar...


... und Brautpaar...


... und Brautpaar...


Irgendwann hören wir auf zu zählen.

Aber finden, dass das ebenfalls bräutlich weiße Sewastopol durchaus ein passender Ort zu Heiraten ist.






Das klassizistische Theater wirbt für die Premiere des Stücks "Der Revisor" von Gogol. 


Nur scheinbar handelt es sich jedoch um eine alte, gewachsene Stadt. Die Deutschen hatten auch Sewastopol im Zweiten Weltkrieg besetzt und beim Abzug 1944 fast dem Erdboden gleichgemacht. So wurde das Stadtzentrum nach dem Krieg, in der Stalin-Zeit, völlig neu aufgebaut.

Überall finden sich in vielen Details Erinnerun-gen an die...


... Sowjetunion.


Und natürlich hat auch Sewastopol  einen Lenin, der in Richtung Meer schaut.


Das tut der Schönheit der Stadt jedoch keinen Abbruch -


neben den weißen Häusern spenden schattige Parks mit Springbrunnen die im Sommer nötige Kühle. 

Etwas macht uns dann doch nicht richtig glücklich:


Das Delphinarium

Eine Vorstellung ist gerade zu Ende und man lässt uns kurz hinein, um uns umzuschauen. Während im Hintergrund mehrere Delphine mit einer Salbe eingerieben werden - offenbar bekommt ihnen das Wasser hier nicht -, liegen vorn Delphine bereit, um sich, gegen Bares, von Touristen anfassen und fotografieren zu lassen. Kurz kämpfen wir mit unserer Neugier: Ja, wir würden gern einmal einen Delphin berühren und wissen wie sich das anfühlt! 

Aber wir sind der Meinung: Delphine sind intelligente Wildtiere...


... ihre Bestimmung ist nicht, sich von kleinen Jungen oder Mädchen streicheln zu lassen - und seien die auch noch so nett. Also verzichten wenigstens wir auf eine unmittelbare Delphin-Begegnung.   

Statt dessen hören wir plötzlich, als wir weitergehen, amerikanisches Englisch. Ein Ehepaar aus Michigan macht hier Urlaub! Als wir erzählen, dass wir mit einem kleinen Wohnmobil völlig autonom unterwegs sind, sagt die Frau: oh my god! Und der Mann fügt an: We wish you a SAVE journey (Wir wünschen Ihnen eine sichere Reise). Die Ukraine-Vorurteile sind also auch in den Vereinigten Staaten von Amerika angekommen... 

Sewastopol bemüht sich um Internationalität.  

In einem Café neben dem Delphinarium wollen wir ein Eis essen...


... und werden mit einer deutschen Speisekarte, "Menju nemjezkoje" /     меню немецкое überrascht.


Irgendwer hat sich auf rührende Weise bemüht, die ange-botenen Gerichte ins Deutsche zu übersetzen.


Noch eine Überraschung - eine deutsche Fahne im Park: Die "Ukrainische Europäische Jugend", Jewropeiska molod` Ukraini / Європейська молодь України hat zu einem kleinen Volksfest geladen. Junge Leute im Alter zwischen etwa 15 bis 25 (sowohl überwiegend auf der Bühne als auch im Publikum) mixen hier politische Reden und Show.    



Zaungäste sind auch Matrosen der russischen Schwarz-meerflotte. Wir haben jedoch den Verdacht...


... dass sie sich am meisten an diesem Programmteil erfreuen...


Diese Pro-EU-Veranstaltung überrascht uns insofern besonders, als sie ausgerechnet im "quasi"-russischen Sewastopol stattfindet.

War uns doch auf der Krim bisher nur Werbung für die Einheit mit Russland - Russkoje jedinstwo begegnet... 


...oder auch in Sudak eine Demo der Kommu-nistischen Partei der Ukraine, die ebenfalls traditionell für Russland wirbt... 


Schon im inzwischen schon wieder so fernen Donjezk hatten wir zu Füßen des Lenin-Denkmals eine pro-russische Agitations-Veran-staltung gesehen.


Nun fügen diese jungen Leute dem, was hier für uns von der politischen Landschaft unmittelbar sichtbar ist, neue Farben hinzu. Wir beobachten und verstehen sie: Sie sind jung, offenbar gebildet, wollen grenzenlos reisen, grenzenlos lernen, grenzenlos arbeiten.

Wir outen uns dem Jungen gegenüber, der die Schwarz-Rot-Goldene Fahne trägt, als Deutsche. Ja, wir zumindest würden uns freuen, die Ukraine in der EU zu begrüßen. Aber wir sagen auch, dass wir wissen, dass das nicht einfach wird, weil in diesem Land sehr viele Interessen aufeinanderprallen.

Später begegnen wir den Werbeträgern für eine europäische Ukraine noch einmal, sie sind mit Roller-Blades auf der Strand-promenade unterwegs.


Prall gefüllt mit Eindrücken gehen wir zum Bernd zurück,

NEIN, das ist er nicht!  


Wir wollen unser Urlaubs-Kaleidoskop morgen noch bunter machen und die Hauptstadt der Krimtartaren, Bachtschisarai, besuchen.

Damit beginnt unser Teil 3 des Reiseberichts, zu erreichen oben links in der Navigationsleiste - oder direkt hier:   

http://www.jo-und-pi-im-urlaub.de/43998/56301.html


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Fußnote für Russisch-Unkundige:

Das fotografierte Emblem ist das der ehemaligen UdSSR. Auf den Windungen des roten Bandes stand dort in den Sprachen von 15 Völkern, die in der SU lebten, der berühmte Satz "Proletarier aller Länder, vereinigt euch" aus dem "Kommunistischen Manifest" von Marx und Engels.

Das Emblem auf dem Foto jedoch preist völlig andre Sachen: Sonne, Meer, Strand, Sport, Freundschaft, Spaß, Sex, Erholung, Bier, Freude, Unterhaltung, Bekanntschaften, Gesundheit, Komfort - unten gekrönt von der Losung: "Urlauber aller Länder, vereinigt euch!