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Ukraine 2010
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 NEU Ukraine 2014
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Das Prinzip des "Karte-Piekens" haben wir bereits auf unserer Startseite erklärt.

Diesmal waren - neben uns beiden selbst - unser Sohn Adam, seine damalige Freundin Kristin, unser Sohn Bruno, außerdem unsere Freunde Katja, Ingrid und Dirk  diejenigen, die unmittelbaren Einfluss auf die Route hatten. Es galt also, acht Punkte zu erreichen und das mit unseren "eigentlichen" Zielen zu koordinieren.                         
                                                         

                                                                      Dirk, perfekt vermummt...

Im Ergebnis sah die Planung unserer Route dann so aus:  



Leipzig - Ostpolen - Lwiw - Ukrainischer Nordwesten - Kiew - Dnjepr - Dnjepropetrowsk - Charkow - Asowsches Meer - Krim mit Jalta, Sewastopol und Bachtschisarai - Odessa - Dnister-Region - Iwano-Frankowsk - Lwiw - Krakow (Polen) - Leipzig

Insgesamt waren das am Ende der Reise 7.630 Kilometer.  

Was wir unterwegs erlebt haben, hat Eva in einem Reisetagebuch festgehalten. Deshalb wurde auch der folgende Text von ihr geschrieben, jedoch durchweg mit Rat und Tat von Thomas, dem besten Lektor und allerbesten Ehemann der Welt,

ergänzt durch viele Fotos von unterwegs und Informationen, die wir im Nachhinein recherchiert haben.



km-Stand bei Abfahrt: 9.730



Nach einem letzten Arbeits-Termin geht es mittags los. Wir fahren wir bis Jelenia Gora in Polen und schlafen dort auf dem Campingplatz. Im Urlaub meiden wir eigentlich prinzipiell Autobahnen - es ist langweilig, wenn Bernd mit seiner Höchstgeschwindigkeit von 90 km/h den LKWs hinterher hechelt - und zu sehen gibt es auch nichts! 

Doch der "Zeltplatzmann" sagt uns, es wird schwierig durch den Osten Polens zu fahren, das Hochwasser an Odra und Wisla mache immer mehr Straßen unbefahrbar. So beschließen wir, entgegen unseren ursprünglichen Plänen, ausnahmsweise doch die Autobahn zu nutzen - wenn man noch irgendwie durchkommen kann, dann nur so, vermuten wir.

km-Stand abends: 9.9.71 - 241 gefahrene Kilometer


Hochzeitstag! Doch wir haben erst einmal Pech: einen Abstecher nach Wroclaw hatten wir wegen des Hochwassers ohnehin nicht mehr vor, aber auch Krakow lässt uns nicht mehr rein - die Abfahrten sind gesperrt. Immerhin kommen wir Dank Autobahn schnell und sicher über alle Flüsse. Es ist sehr diesig, aber regnet nicht. Trotzdem ist es kalt - 13 Grad.
Gegen Abend beginnt Regen, später wird er abgelöst von noch mehr Regen.  

Der Punkt, den Kristin in die Karte gepiekt hatte, liegt noch in Polen, denn die Karte ( ADAC Ukraine, 1:750.000 ) zeigt natürlich auch die Grenzregionen zu den umliegenden Ländern. So fahren wir hinter Krakow nun doch auf Landstraßen, um nördlich der direkten Route zur ukrainischen Grenze durch Ostpolen zu schlenzen - und damit durchs Hochwasser. Erst auf dem Rückweg werden wir erfahren, dass es sich zu einer richtigen Katastrophe auswuchs. Was wir unterwegs sehen, sind nur die Vorboten...





Aber wir haben Glück, noch sind die Straßen befahrbar.

Wir suchen nach einem Hotelchen für uns und finden es bei Nienadowka.  Die Verständigung mit den netten Mädchen an der Rezeption ist schwierig, sie sprechen ausschließlich polnisch - wir leider nur ein paar "Höflichkeitsbrocken". Wir nehmen schließlich eine "Kolekcia" (Schreibweise???) - dh heißt: Zimmer, Abendbrot und Frühstück für 220 Zloty. Essen schmackhaft und reichlich, Zimmer gut. Beim Holen unsere Sachen aus dem Auto: Panik (Eva!) wegen einer kleinen Ölpfütze unter dem Berndi. Wir haben nämlich schon einen Austauschmotor, weil der alte einen "Kolbenfresser" hatte, am Öl lags nicht - es war keins drin...

Thomas misst - und der Ölstab sagt, es geht dem Motor gut. Um acht liegen wir trotz Hochzeitsnacht im Bett und schlafen wie die Engel.

Km-Stand: 10.522 - 551 gefahrene Kilometer


Gut geschlafen bis acht, Gutes Frühstück, Spitzen-Kaffee, Suppe, Würstchen, Rührei.
Fast trockenen Rades kommen wir an, wo Kristins Punkt auf der Karte liegt:

In einem  Dörfchen im fernen Osten Polens.   


Und dann kommen wir tatsächlich an einem Ort vorbei, der nach unserm Erstgeborenen benannt ist...




Um 12.00 Uhr sind wir an der Grenze zur Ukraine in Medika /Медыка.

Alles ist etwas chaotisch, außer uns nur ein einziges deutsches Auto, auch keine Polen, nur Ukrainer.


Im Glaskasten sitzt ein Uniformierter, er heißt Juri, wie wir auf seinem Namensschild lesen und ist recht grummlig - aber wir kriegen das hin mit der Immigration-Card, die wir ausfüllen müssen. Und da wir die Adresse der Mama unseres Kollegen Sergej in Kertsch als Ziel eingetragen haben, versichern wir mehrfach glaubhaft: wir wollen in den Urlaub auf die Krim. Um 13.15 sind wir drin - das ist ja einfach!

Gleich im ersten Ort hinter der Grenze hält uns ein Polizist an. Das geht ja gut los - wir haben so viel über die ukrainische Polizei gehört und dass sie gern die Hand aufhält. Also: Motor aus, Scheibe runter, freundliches Gesicht. Eine Wodkafahne weht ins Auto. Deutsche, die in der Ukraine Urlaub machen? Der Polizist kann es nicht fassen und lacht, dann lässt er uns weiterfahren.  

An einem Automaten bekomme ich problemlos unsre ersten Griwna ( UAH ) - der Kurs ist etwa 1:10.

Bald müssen wir zum ersten Mal tanken. Ich hatte zwar gelesen, dass das in der Ukraine sehr preiswert ist, deshalb haben wir nicht mehr in Polen getankt - dennoch sind wir mehr als überrascht, dass hier der Diesel nur knapp 70 Cent kostet. Das wird auch den ganzen Urlaub über so bleiben - der maximale Preis wird irgendwo einmal bei 7,20 Griwna liegen. Dennoch kostet uns hier selbst bei diesem "Höchstpreis" das Volltanken nie mehr als umgerechnet etwa 30 Euro!

                            

Da wir davon gelesen hatten, dass die Tankstellen überwiegend nur Bargeld nehmen, werden wir nie versuchen, mit Karte zu bezahlen. (Das Tanken läuft übrigens immer so ab, dass ein Tankwart kommt und fragt, wie viel man haben möchte an Sprit. Entweder man verlangt Kraftstoff für eine bestimmte Summe  - oder man sagt einfach "полны" / polnui (voll).

Nur etwa 80 Kilometer hinter der Grenze ist Lwiw / Львив (russisch: Lwow / Львов, deutsch: Lemberg).      

Gewimmel...  


... auf den schlechtesten Straßen, die wir je in einer Großstadt gesehen haben.                                                                                                                                  


Wir fühlen uns total überfordert fürs erste (obwohl wir ein schlechtes Gewissen haben, weil wir Lwiw keinerlei Chance geben, auch seine schönen Seiten zu zeigen), aber fahren weiter: M05 in Richtung Rivne / Kiew.

Bei Olesko / Олеско


finden wir ein gigantisches Budjonny-Denkmal am Straßenrand. Semjon Michailowitsch Budjonny / Семен Михайлович Будeнный / (1883 - 1973) war im russischen Bürgerkrieg nach der Revolution und im Zweiten Weltkrieg Heerführer der Roten Armee. Unser Reiseführer sagt, das Denkmal sollte nach dem politischen Umbruch in den 90er Jahren gesprengt werden, aber das Fundament ist so solide, dass das nicht möglich war... 

Es wird Abend - aber eine Campingplatz-Struktur gibt es in der Ukraine nicht. Sonst immer mit dem ADAC-Campingführer unterwegs, müssen wir andere Wege gehen. Aber ich wollte ja sowieso von morgens bis abends russisch reden... Eine Raststätte mit Hüttchen bei Brodi / Броди - ich frage, ob wir auf dem Gelände stehen dürfen, wo es leiser und schöner als an der Straße ist und dass wir das  selbstverständlich auch bezahlen würden. Aber wir sollen kostenlos hier schlafen. Für Suppe, Schaschlyk und Bier bezahlen wir nur 100 Griwna plus Trinkgeld). Um uns herum sind essende, trinkende, feiernde Leute. Sehr schön!!! Es gibt auch ein klassisch-russisches Klo, genauer gesagt: Ein Loch im Boden des Klohäuschens und ein Händewaschbecken - was will der Mensch mehr!

km-Stand: 10.861 - 339 gefahrene Kilometer


Nach dem Frühstück geht es weiter. (4 Espresso, Brot, Butter, Soljanka für 33 Griwna - ich gebe 50. Bei diesen Preisen kann man sein schlechtes Gewissen nur mit Trinkgeld besänftigen... Und es ist schwierig, das richtige Maß zu finden, denn als "Großkotz" will man ja auch nicht erscheinen...) 

Unser Schlafpatz bei Brodi


Um zum in die Karte gepiekten Punkt unserer Freundin / Kollegin Katja zu kommen, schlagen wir einen großen, fast kreisförmigen Bogen nach Süden. Die Straßen sind besser als gedacht, wenn wir sie mit Griechenland oder dem Baltikum vegleichen.

Entdecken unterwegs das Kloster  Potschajew / Почаiв


wollen aber den Bernd nicht zu lange allein lassen, weil gleich nach dem Aussteigen ein Roma-Junge aggressiv bettelt und sich eine Traube ums Auto bildet, als wir weggehen. Schade! Denn Potschajew ist eins der wichtigsten orthodoxen Klöster des Landes.

Katjas Punkt liegt hinter dem Dörfchen Kamjanka / Камянка.  


Orte dieses Namens gibt es übrigens in der Ukraine mehrmals, aber wir sind trotzdem im richtigen.

Hier ist viel Wald...


... und ein sehr malerischer Fluß - Katja wandert viel und gern, es würde ihr hier gefallen.


Wir sehen viel Klein-Landwirtschaft, Bauern mit Pferden auf den Äckern und mit Pferdewagen auf den außer in den Städten leeren Straßen.

"Wenden auf der Autobahn"



Wir begegnen sehr vielen gepflegten, uralten Ladas und Moskwitschs mit blitzendem Chrom, machen Kaffeepause in einem kleinem Dorf am  Magasin / Магазин, dem Laden. Wir sehen nichts von der großen Armut, über die wir vor der Reise viel gelesen haben. Vielmehr haben wir das Gefühl, dass die Leute einfach anders leben als wir. Nach unserem Empfinden ist es ein bisschen wie in Griechenland auf dem Dorf.

An der Straße finden wir dann auch ein sehr einladendes, offenbar neues Restaurant mit ausgezeichnetem Essen. Für drei Gänge mit Getränken inclusive Trinkgeld bezahlen wir nur 160 Griwna...

Dann gilt es, zum Abend bis zum Punkt von Thomas zu kommen, den er auf der Karte blind getroffen hatte. Kurz davor liegt Tomaschgorod / Томашгород, zu gut deutsch: Thomas-Stadt. Das einzige Tomaschgorod in der ganzen Ukraine!

Nach Adamowka schon wieder so ein  verrückter Zufall! 


Thomas`Punkt selbst ist in Rokitne / Рокитне, 12 km weiter, einem kleinen Städtchen.

Ist hier überhaupt das Hotel, das ich im Internet recherchiert hatte? Ja!


Wir bekommen ein Zimmer mit Bad für 160 Griwna, natürlich runden wir auf. Dann spazieren wir durchs Städtchen, trinken am "Dorfkonsum" Пиво на розлив / piwo na rosliw, Bier vom Fass - und "gucken Leute". Es ist Pfingst-Samstag, die Dorfdisco ist laut, die Mädchen sind gehübscht und um die Jungs-Cliquen weht Testosteron.

km-Stand: 11.288 - 427 gefahrene Kilometer


Um halb neun klopft es. Überraschung! Wir bekommen ein volles Tablett ins Zimmer gereicht, obwohl es hier im Hotel, wie man uns gestern sagte, eigentlich kein Frühstück gibt. Nein, wir sollen nichts dafür bezahlen... Kaffee, Brot, Butter, Marmelade, Wurst, Käse. Der Tag kann beginnen! 

Im Dorf ist Pfingst-Gottesdienst - und offenbar alle sind in der Kirche oder davor.


Dann machen wir selbstver-ständlich noch das "Rokitne-wir-waren-da" Beweis-Foto...


... und begeben uns auf die lange Strecke Richtung Kiew. Sehr bald halten uns zwei Polizisten an, auf der Straße sei "remont" / ремонт", Bauarbeiten. Wir sollen lieber eine andre Strecke benutzen, evt. sogar umkehren. Anhand unserer Karte diskutieren sie mit mir alternative Routen. (Das ist nicht ganz einfach, denn die beiden sprechen ukrainisch - verstehen aber mein russisch.)

Letztendlich fahren wir dennoch geradeaus weiter - die vorgeschlagenen Umwege sind uns zu groß.

Ausbaden muss das unser armer Bernd. Er kämpft sich über etwa 30 Kilometer  Querrillen auf unfertigem Asphalt.


Dann die Belohnung für sein Durchhalten: Die schon fertige Straße hinter der Baustelle, sie führt fast schnurgerade nach Kiew. 


Wir fahren etwa 250 km  geradeaus durchs NICHTS, in dem sich Felder und Wälder abwechseln.

Am Stadtrand von Kiew: Die nächste Polizeikontrolle. Ein sehr junger Mann ist es diesmal, der sich offensichtlich über die Touristen aus Deutschland freut und uns einen guten Urlaub wünscht, ohne die Papiere auch nur sehen zu wollen... 

Uns zieht es zuerst in den Norden von Kiew,


bevor wir in die Stadt fahren, wollen wir den Dnjepr / Днепр sehen. Das ist kein Fluss, das ist ein Meer!

Viele Sonntagsausflügler und wir mittendrin. Wir essen lecker Schaschlik / шашлык mit Salat und "Kartoffel fri" / картофель фри - das sind Pommes.

Dann lockt die Stadt.


Weil ich nicht auf Anhieb mit dem gerade gekauften Stadtplan zurecht komme, machen wir eine unfreiwillige, aber sehr interessante große Stadtrundfahrt, ehe wir den Campingplatz Prolisok / Пролисок  (im Westen von Kiew, am Stadteingang aus Richtung Lwiw) finden. Ein großes Areal, auch mit Hotel, wir bezahlen mit Strom 200 Griwna / Nacht.   

Viele Bäume,


sehr saubere Toiletten. 

Außer uns ist hier nur ein deutscher, zum WoMo  umgebauter LKW, der dazu gehörige Mann, mit Hund, ist aus Baden-Württemberg, wie er uns erzählt. Wir lesen in unseren Reiseführern, um uns auf den norgigen Ausflug in die City vorzubereiten.

km-Stand: 11.628 - 261 gefahrene Kilometer


Thomas hat sich durch die hiesigen Räumlichkeiten recherchiert: Auch Waschraum und Duschen sind da, die wir natürlich gleich nutzen

Dann geht es in die große Stadt Kiew / Киев

Zur Metro sind es etwa zwei Kilometer. Wir könnten mit dem Bus fahren, aber wir laufen und kaufen unterwegs in einem Telefon-Geschäft eine Prepaid-Karte, wir haben extra dafür ein altes Handy eingepackt. Die Grundgebühr beträgt 17 Griwna, wir kaufen ein Guthaben von 35 Griwna dazu. Das Mädchen, das uns die Karte verkauft, erklärt alles sehr genau. Wir schicken SMS an einige Leute in Deutschland - nun haben sie eine ukrainische Nummer, mit der sie uns sehr kostengünstig erreichen können, wenn sie wollen, ohne dass sich auf unserer Rechnung Roaming-Gebühren anhäufen. Den Tip mit der Prepaid-Karte haben wir von unserem Kollegen Sergej.

Wir fahren  Metro / Метро...

... eine Fahrt kostet 1,70 Griwna, 17 Cent! Man kann beliebig oft umsteigen, so lange man die Metro-Unterwelt nicht verlässt. Für das Geld bekommt man einen Plaste-Chip, den man am Drehkreuz einwirft. (Was könnte man mit diesem Prinzip in Deutschland an Kosten für Kontrolleure sparen!) Nach langem Rumpel und Pumpel spuckt uns die Metro im Zentrum aus.

Kiew ist faszinierend - eine durch und durch europäische Großstadt, vieles erinnert ein wenig an Prag oder Paris oder Rom.
Hier wird mit Geld geklotzt, hohe Neubauten, so weit das Auge schaut, aber auch Altes mit Liebe und Geschick erhalten.

Von unsren vielen, vielen Fotos hier nur einige,

wie das der  Sophien-Kathedrale,               (Sofiiski Sobor / Софійський собор), im Herzen der Stadt, die im Gegensatz zu Dresden zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört...  


Auf dem Maidan / Майдан, dem wichtigsten Platz der Stadt, wurde 2001 diese Säule aufgestellt, das Monument der Unabhängigkeit, früher thronte dort ein riesiger Lenin.


Was aber durchaus nicht heißt, dass Lenin / Ленин aus dem Stadtbild verschwunden ist.


Auf dem Maidan ist jedoch - neben viel Geschichte - das junge Kiew zu Hause, wie man sieht. 

 

Vieles hier ist im              "Zuckerbäckerstil" gebaut, der  sowjetischen Prunkarchi-tektur der 30er bis 50er Jahre.  

   



Wir laufen bis die Socken qualmen, Kiew ist quirlig, voller Autos und trotzdem großzügig und sehr grün. Als es kurz regnet, kehren wir ein, essen - leider! - sehr schlechte, wabblige kiewskie kotljetui / kиевские kотлеты / (paniertes Hühnchenfleisch), aber haben als Entschädigung ein sehr interessantes Gespräch mit der Kellnerin über die Ukraine und deren Platz in Europa. Die EU hat momentan genug Probleme, meint sie, sie wird sich nicht zusätzlich mit der Ukraine belasten wollen. Und da sind ja auch noch die Interessen von Russland...

Ein sehr schlichtes Denkmal...


am Michaelskloster (Michailiwski Monastir / Михайлівський монастир) erinnert an die große Hungersnot, den Golodomor / Голодомор von 1932-33, als nach der Kollektivierung der Landwirtschaft die Bauern mit einer unerfüllbar hohen Abgabepflicht gequält wurden. Die Folge waren Millionen Tote...


Durch eine kleine Kopfstein-pflaster-straße mit Kunst und Kitsch,...


... deren Charme Fotos nur sehr schlecht wiedergeben, weil hier gerade viel saniert  wird, laufen wir wieder hinunter zum Dnjepr.

Hier hat der Schriftsteller Michail Bulgakow  / Михаил Булгаков gelebt ("Die weiße Garde", "Der Meister und Margarita") 


Dann fahren wir mit der Metro wieder hoch in die Stadt, eigentlich wollen wir noch zur monströsen "Mutter Heimat",

aber wir haben uns verlaufen und es ist verdammt weit - und sehr spät ist es inzwischen auch. Morgen ist auch noch ein Tag, sagt Scarlett O`Hara... 



Beim Frühstück unterhalten wir uns länger mit unserm Zeltplatznachbarn. Er hat ein russisches Visum und will zum Baikalsee und in die Mongolei, vier Monate  soll das dauern. (Rentner müsste man sein - aber trotzdem fit und noch arbeiten dürfen...) 



Dann verlassen wir den Campingplatz Prolisok.


Von der Fluss-seite nähern wir uns der "Mutter Heimat"


- und was nur ein kurzer Stop werden sollte, dauert dann schließlich doch einige Stunden.

Neben der Statue ein Museum viel mit Kriegsgerät, vorwiegend aus dem Zweiten Weltkrieg.



Wir glauben, dass dieser fürchterliche Krieg auch der Grund ist, warum wir hier so viele Menschen sehen,  

auch mehrere Schulklassen:


Unabhängig von Zeitenwende und jedweder politischer Ausrichtung: Die Sowjetunion  hatte von allen Alliierten die schwerste Last zu tragen - und den Krieg dennoch (nicht wegen, sondern trotz Stalin!) gewonnen. Dass heute schließlich wir Deutschen die "Sieger" sind - vor allem auch ökonomisch, beschämt uns... 

Als Erinnerung ans Ende der Blöcke


stehen hier seit einigen Jahren ein sowjetischer und ein amerikanischer Panzer -Kunstobjekte, die nicht mehr aufeinander schießen...

Die "Mutter Heimat"                               (Rodina Mat`/ Родина-мать) selbst wirkt sehr martialisch, laut Reiseführer ist sie 108 Meter hoch und 530 Tonnen schwer. Pikanterweise wurde sie auf dem selben Hügel errichtet (und 1981 eingeweiht) , auf dem sich seit dem 11. Jahrhundert...


das Kiewer Höhlenkloster


(Kiewo petscherskaja Lawra / Киево-Печерськая Лавра)  befindet, eines der wichtigsten geistlichen Zentren der Ukraine. 

Das ist Gegenreligion kontra Religion deutlich sichtbar auf engstem Raum - mit viel  von den Erbauern ausdrücklich  gewollter Symbolik.  Denn die "Mutter Heimat" ist zehn Meter höher als der höchste Turm des Klosters... 

Gemeinsam mit den dunklen Gestalten dieses Denkmals schauen wir noch einmal auf die Stadt hinunter, ...


...  bestaunen den Bau-Boom...


... und die neuen Stadtviertel jenseits des Dnjepr. Den Fluss wollen wir in den nächsten Tagen begleiten.

Leider geht die Straße nur selten direkt am Wasser entlang, aber das Abbiegen lohnt sich. 

Solch einen mächtigen Fluss haben wir noch nie mit eigenen Augen gesehen! 


Natürlich ist er auch wegen der Staustufen so riesig - sieben sollen es sein, haben wir gelesen.

Den spannenden Damm mit Kraftwerk, über den wir in Kaniw / Канив fahren, kann man leider nicht besichtigen - Halteverbot, wir sehen keinen Fußgängerweg.

Auf unseren "Abwegen", um dem Fluss näher zu sein, finden wir ENDLICH auch den Beleg,...


... warum unsre Reiseführer behaupten, man solle in der Ukraine besser nachts nicht Auto fahren: Auf sonderbare Weise  kommen hier immer wieder Gullideckel abhanden, denn das ist schwer-gewichtiges, gut verkäufliches "Altmetall". Das Ergebnis dieser Sammelwut sind potenziell böse Fallen für Bernd & Co... (Und ja, das ist nicht das einzige "schwarze Loch" dieser Art, dem wir unterwegs begegnen...) 

Als es dunkel wird, finden wir ein kleines Straßenmotel bei    Solotonoscha /      Золотоноша...  


...  mit sehr sauberem, etwas  plüschigem Zimmer und einem noblen Bad, allerdings im Flur gegenüber, für 250 Griwna. Im Fernsehen läuft einer der beiden Vorentscheide zum "Eurovision Song Contest"  - und der arme Thomas guckt mit... 

km-Stand: 11.889 - 261 gefahrene Kilometer


Nach dem reichlichen Frühstück im Hotel für 50 Griwna fahren wir weiter - und schon hält uns wieder ein Polizist an, er will uns aber nur freundlich fragen: Woher, wohin. Das war nun schon die vierte "Kontrolle" dieser Art. 

Dann geht es weiter den Dnjepr entlang.


Der versteckt sich oft, doch wenn man ihn denn sieht, ist er wirklich gigantisch.

Die Dörfer entlang der Straße sind sehr geometrisch gebaut, wie mit dem Lineal sind die Gassen zwischen den kleinen Einfamilienhäusern mit Gärtchen gezogen, nix ist älter als 50 Jahre, schätzen wir. Wir wissen nicht, ob diese Dörfer am Reißbrett entstanden, weil ihre Vorgänger durch den Bau der Staudämme in den Fluten des Dnjepr versunken sind. Zwischen den Häuschen-Zeilen kleine Felder, auf denen offenbar Familien arbeiten. Rundherum riesige Kornfelder. Nach Tscherkassi  / Черкасси geht es über einen langen Damm - wir wechseln wieder einmal auf die westliche Fluss-Seite. Die Stadt selbst sehen wir nur "von hinten", weil wir uns verfahren haben: Industrie, hässliche alte Neubaublocks. 

Auf dem Weg zurück zur Hauptstraße, der aus einer Ansammlung von Schlaglöchern besteht, begegnet uns ein ukrainischer "Wiedergänger" unsres Hundes Fritz, der seit fast zwei Jahren im Hundehimmel ist... Offenbar sind die Gene dieser Spielart der Hunderasse "waschechter Dorfköter" weiter verbreitet als man denken würde... 

Wir starren ihn fassungslos an, dann machen wir dieses Foto.

 

Über einen weiteren Damm  (Straße schaurig schlecht, Blick toll) und ein Kraftwerk mit Schleuse geht es nach...


... Krementschuk / Кременчук. Die Stadt ist schön, viel Grün, die beeindruckende Dnjepr-Brücke offenbar schon recht alt. Nun sind wir mit unserem vielen "Hin und Her" wieder auf der westlichen Seite des Flusses. Von der vom ADAC in unserer Karte als "schön" (grüne Linie) gekennzeichneten Straße kann man an vielen Stellen von hoch oben den Fluss sehen, nun, nach mehreren Dämmen, wirkt er wie ein Delta mit Mäandern und vielen Inseln. Wir wissen nicht recht, inwieweit die Regulierung des Dnjepr für Umwelt, Land und Leute gut sind, haben aber gelesen, dass er davor kaum schiffbar war: überall gab es Stromschnellen oder Untiefen...   

An der Straße, exakt am Kilometer 286, 


in der Nähe von Uspenka / Успенка finden wir ein einladendes Schild, das hinunter an den Fluss weist.
Wir fahren mehrere Kilometer schling-schlang auf den Fluss zu...

... und finden eine kleine Ferien-Anlage...


... mit Blockhausrestaurant und Bungalows, alles ist ganz neu. Wir sind fast die einzigen Gäste.

Auf dem Gelände stehen viele Motorboote,


von denen einige - größere - in Privatbesitz zu sein scheinen, die kleineren, einfacheren gehören vermutlich "zum Haus". Erstaunlicherweise gibt es keine Schiffe auf dem Fluss... 



Nur zwei große Yachten kommen irgendwann vorbei. Wir stellen den Bernd auf die Wiese und bekommen Strom, dann essen wir auf der Terrasse Salat und Suppe, geniale Bratkartoffeln und knusprigen Fisch und schauen dabei auf den Fluss. Im Restaurant gibt es auch einen großen Billardtisch, viele Fotos von Leuten, die große Fische gefangen haben sowie Klo und Bad zum Duschen.

km-Stand: 12.115 - 226 gefahrene Kilometer


Für diesen wunderbaren Aufenthalt mit Abendbrot und Frühstück (Super-Omelett, Orangensaft und Kaffee) sollen wir nur 196 Griwna bezahlen...

Wir fahren, fahren, fahren - am Dnjepr entlang, der meist unsichtbar ist, nach  Dnjepropetrowsk / Днепропетровск.



Überall wird hier gebaut, nur die Straßen noch (?) nicht! Im Stadtzentrum, das wie auch in allen andren schon gesehenen Städte sehr grün ist, finden wir keinen Parkplatz. Schade, denn dort sind Schachspieler und schwatzende Babuschkas, Maler mit ihren Bildern und jede Menge Beschaulichkeit. Aber dann klappt es doch mit dem Parken, am Flussufer.

Wir beobachten junge Leute mit roten oder blauen  Schärpen, 


die Schule ist für diesen Sommer zu Ende, sie machen Party und viele Mädchen haben, offenbar als Gag, eine sowjetische Schuluniform an und riesige Schleifen im Haar - so wie das damals bei meinen  Brieffreundinnen war...

Der Geist Lenins und der der Sowjetunion


spukt offenbar auch noch durch die Speise-Eis-Fabriken, wie das Eis Marke Leningrad beweist, obwohl die Stadt längst wieder Sankt Petersburg heißt. Ich weiß nicht, ob das Eis nach altem sowjetischen Rezept hergestellt wurde, jedenfalls hat es sehr gut geschmeckt. (Ach ja, lieber lesender Raucher, der Du die Zigaretten in meiner Hand siehst: Eine Schachtel Importzigaretten - oder was sich so nennt - kostet je nach Marke zwischen 6,50 und 9,00 Griwna, das sind 65 - 90 Euro-Cent! ) Bei einem Durchschnittseinkommen von 200 Euro im Monat ist das jedoch dennoch sehr viel Geld.

Um einen Überblick zu bekommen, was "hochwertige Konsumgüter" so in etwa kosten, gehen wir in Dnjepropetrowsk noch in ein Elektro- / Elektronik-Kaufhaus. Ergebnis unserer Recherche: Herde, Kühlschränke sind etwas preiswerter als bei uns, TV-Geräte etwas teurer. Angesichts dessen, dass wir in der DDR zirka 600 - 700 Mark verdient haben, eine Waschmaschine jedoch 1.200 Mark, ein Farbfernseher gar 6.000 Mark gekostet hatte und trotzdem viele einen besaßen, kommen wir zu dem Schluss, dass es wohl auch hier irgendwie gehen muss mit dem Zusammensparen solch gewichtiger Dinge...

Thomas kauft sich dort eine 4-GB-Fotokarte für 149 Grivwa, ich mir für 79 Griwna eine DVD mit kultigen Trickfilmen, in denen das Äffchen Tscheburaschka und Gena das Krokodil die Hauptrolle spielen. In der Volkshochschule hatten wir das wohl berühmteste russische Geburtstags-Lied gelernt, dessen Refrain endet:

Leider ist nur einmal im Jahr Geburtstag! 
(К сожалению день рождения только раз в году / K soshaleniu djen roshdenija tolko ras w godu)

Wer Gena, das Krokodil noch nicht kennt, kann den folgenden link benutzen und das Lied üben.  

(Wir empfehlen, das Internet noch einmal zu öffnen und den link dorthin zu kopieren, sonst klappts vielleicht nicht mit der Rückkehr an diese Stelle unserer Seite!):    

www.youtube.com/watch?v=blypORq3HMc


Weiter gehts, durch endlose Felder, zum Punkt, den mit verbundenen Augen die liebe Ingrid in unsre Reise-Karte gepiekt hat. Erst die lange Straße von Dnjepropetrowsk Richtung Charkow ( ukrainisch: Charkiw ) gesäumt von endlosen Feldern und dem "Nichts" - dann nördlich herunter auf Schotterstraßen, schließlich auf Feldwege, die verraten, warum das hier "ukrainische SCHWARZerde" heißt.



Wir fragen mehrere Bäuerinnen nach dem Weg nach Wisokopillja / Високопiлля,  in dessen Nähe Ingrids Stift in aller Unschuld gelandet ist...

... und wo auch wir nach langen und für Bernd nicht einfachen  "Wegen übers Land" ankommen.

 

Das Dorf selbst ist unspektakulär, hat eine Kirche...


... und ganz in der Nähe ist auch ein malerischer See.


Das eigentlich Spektakuläre an Ingrids Punkt ist, dass wir deswegen nun doch nach Charkow fahren, das war uns eigentlich bei der anfänglichen Planung zu weit "außerhalb" der denkbaren Routen... Aber das Erreichen aller Punkte ist für uns ein ehernes Gesetz...

Dann hält uns wieder einmal ein Gesetzeshüter an, inzwischen der Fünfte. Er hat das deutsche Auto gesehen und will eigentlich nur wissen, ob auch Deutsche drin sitzen oder ob der Bernd vielleicht geklaut ist - das erklärt er uns, nachdem er unseren Akzent gehört hat. Die vielen Kontrollen nerven uns nicht, statt dessen sind wir jedes Mal gespannt, was wohl diesmal der Grund ist, uns herauszuwinken.  

Es wird langsam dunkel, doch die andern Autos fahren bis zum letzten Fünkchen Tageslicht ohne Scheinwerfer - als ob das Sprit sparen würde... Das ist auch ein in unseren Reise-Büchern erwähnter Grund, warum man in der Ukraine nicht nachts Auto fahren sollte... Kein Hotel weit und breit. Im internet hatte ich jedoch herausgefunden, dass man in Charkow, auf dem Gelände des Hotels "Дружба" / Drushba (Freundschaft) sogar mit dem Wohnmobil stehen kann. -Zig mal fragen wir in der Stadt nach dem Prospekt Gagarina, alle kennen ihn - aber das hilft uns auch nicht richtig... Dann finden wir ihn schließlich doch: Es ist die längste Straße der Stadt.
Und dort finden wir auch das Hotel. Nein, mit dem Wohnmobil darf man dort nicht stehen, aber mit einer Übernachtung im Haus, das ist auch nicht so einfach... Langes Überlegen und Suchen im Computer, dann bekommen wir ein Zimmer.

Schnell ahnen wir, warum die Zimmervergabe so schwierig ist: Deutsche Touristen sind hier schlicht Exoten und damit "besondere Gäste" - aber es sind nur noch unsanierte Zimmer frei,

mit Möbeln, Tapeten, Stromleitungen und Charme des realen Sozialismus. 


Immerhin gibt es ein sehr sauberes Bad und das Zimmer kostet nur 300 Griwna incl. Frühstück. (Die Zimmer gegenüber sind saniert, wie Thomas sieht, als eine Tür offen steht.) Dazu kommen 25 Griwna für einen perfekt bewachten Parkplatz für Bernd. Wie auch immer - es ist weit nach Mitternacht (!!!), aber die Köche sind trotzdem noch da. Die sehr umfängliche Speisekarte macht die Wahl schwer, wir essen und trinken sehr gut und reichlich für nur 200 Griwna. Die realsozialistischen Matratzen sind erstaunlich bequem, wir schlafen wie die Steine. 

km-Stand: 12.610 - 525 gefahrene Kilometer


Nach dem reichlichen Frühstück heißt es für uns: Auf in die Stadt. Wir finden einen im Reiseführer empfohlenen bewachten Parkplatz.

Charkow / Харьков (ukrainisch Charkiw / Ха́рків) begrüßt uns mit viel Grün, es ist sehr groß und hat von allen bisher durchfahrenen Städten die besten Straßen.

Absolut riesig ist der


Freiheitsplatz (russisch: Ploschad`Swobodui / Площадь Свободы). Hier fanden "früher" die großen Paraden statt, im Zweiten Weltkrieg, 1941, sollen  sogar die Deutschen mit Flugzeugen auf dem Platz gelandet sein... 


Die andre Blickrichtung ist diese - zu Lenin.


Doch es wird gerade eine große Bühne aufgebaut (und der Bühnenarbeiter, den ich frage, weiß nicht, wofür). Der Effekt:

"Lenin hinter Gittern"


Unmittelbar daneben: Ein großer Park mit Zeitungslesern, Schachspielern, Biertrinkern, Kindern und und und.


Und dann begegnet uns noch ein Denkmal, von den Charkowern "Vier tragen einen   Kühlschrank aus dem Leihhaus" genannt.


Das verrät uns eins unserer Bücher. Das Gebäude dahinter war nämlich früher das städtische Pfandhaus... Richtig heißt dieses Monstrum übrigens: "Monument zu Ehren der Ausrufung der Sowjetmacht" - der Humor der Charkower gefällt uns sehr... 


Wir essen sehr preiswerte, noch heiße, mit Fleisch gefüllte Blätterteig-Teilchen (vier Stück nicht einmal ein Euro!) und "gucken Leute",  


zum Beispiel Frauen vom Land, die Blumen, Obst oder Gemüse verkaufen.


Thomas fällt dieser wunder-schöne Tschaika-Oldtimer auf.


Er soll hier stellvertretend stehen für all die mehrere Jahrzehnte alten Ladas, Sapos, Wolgas und Moskwitschs, die zum Teil sehr gepflegt, zum Teil auch nur noch vom Rost zusammengehalten durchs Land fahren.

Rost ist auch das Stichwort, um endlich auf die Marschrutki / Маршрутки   zu sprechen zu kommen:


Großraumtaxis, die mal so  verrostet wie dieses, mal nagelneu überall durch Stadt und Land fahren. Sehr preiswert und nach einem ausgeklügelten Fahrplan unterwegs ergänzen sie den öffentlichen Nahverkehr - und das wohl sehr gut, wie wir im Reiseführer lesen.

Und weil wir gerade bei Fahrzeugen sind, dürfen wir diese Kategorie nicht vergessen:


Immer und überall sehen wir auch teure Straßenkreuzer: BMW, Mercedes, aber auch viele große japanische Geländewagen, meist mit dunkel getönten Scheiben, ab und zu mit Chauffeur, der Besitzer oft lässig gekleidet, kurze Hosen und T-Shirt sagen "Hey, ich muss nicht arbeiten!" Die dazu gehörigen Frauen sind meist sehr jung und sexy. Mehr oder weniger gekonnt laufen sie auf High-Heels, die bei jedem Orthopäden einen Aufschrei provozieren würden.         

Hoch und spitz auch die Aufbauten vieler Häuser:


Sowjetischer "Zuckerbäckerstil"- - wie schon in Kiew.   

     

Und diesen zauberhaften sozialistischen Kitsch müssen wir natürlich auch fotografieren.


Charkow hat unzählige Springbrunnen, die dem warmen Tag ein wenig Luftfeuchtigkeit "beimischen". 







Auch hier wird, einen Tag später als in Dnjepropetrowsk, der letzte Schultag gefeiert.

Diese Schönheiten jedoch haben offenbar den wirklich ALLERletzten Schultag hinter sich,


die Szenerie lässt uns vermuten, dass hier gleich der Abi-Ball beginnt.

Wir sind sehr froh, in Charkow zu sein - einer Großstadt, die nicht auf Touristen setzt wie Kiew, sondern wo einfach die Leute leben und wir ihnen dabei zuschauen können. Danke, Ingrid! 

Doch dann geht es weiter - unser nächstes Ziel heißt: Donjezk. Eine schier endlose Piste, kaum Autos, keine Hotels - bis neben der Straße das Motel "Sophia" lockt.

( Motto über der Tür: "Wir machen Sie froh" )


Wir mieten einen kleinen,  rustikalen Blockhaus-Bungalow mit Bad für 235 Griwna  ... 


... und stutzen: Hier kann man stundenweise Zimmer mieten. Was macht man für eine Stunde im Motelzimmer???


Ist das ein Puff mit angeschlossenem Motel - oder umgekehrt? Die Frauen, die wir bei ihrer Arbeit zu Gesicht bekommen (Rezeption, Kellnerin), sehen jedoch überhaupt nicht so aus... 

Auch diese Speisekarte mit der Zimmer-Preisliste hilft uns nicht weiter: Da ist vom  "Damen-Häuschen" und vom "Jagdhäuschen"  die Rede. Aber der Stamm des Wortes "охотничий" beinhaltet auch: Lust haben, der "охотник" ist nicht nur der Jäger, sоndern auch der Liebhaber...  (Nein, so gut russisch kann ich nicht, das haben wir aus dem Wörterbuch.)


Wir bekommen ein Paket mit frisch gemangelter, bunter Bettwäsche und beziehen die Betten selbst (andre Länder, andre Sitten). Dazu gibt es große Handtücher, originelle Einweg-Hauslatschen und Badeschwämme.

Essen und Bier schmecken, wir sehen keine "potenziellen Kunden", lediglich mehrere Männer, die mit dem Auto oder dem Moped kommen. Sie kaufen jedoch "nur" Bier oder Wodka und steigen dann, manchmal schon leicht schwankend, wieder ins Auto und fahren weg. 


km-Stand: 12.706 - 96 gefahrene Kilometer 



Wir haben gut geschlafen in unsrem Blockhaus Masjanja / Масяня (das ist eine russische Trickfilm-Serie für Erwachsene) und frühstücken,

ehe wir aus dem Motel "Sophia", das dann doch so gar nichts von einem Bordell hat,...

... ausgerechnet ins Kloster aufbrechen. Zumindest haben wir hier für unsre Reise das Thema "Prostitution" abgearbeitet.       

Korruption kommt noch...

Unser nächstes Ziel ist jedoch erst einmal das Kloster von                            

Swjati Gori / Святi Гори.                                                               

( Nicht wundern über das lateinische "i" im kyrillisch geschriebenen Wort - das ist ukrainisch! ) 

Swjati Gori ist - neben Potschajew und dem Höhlenkloster in Kiew - das dritte Kloster der Ukraine, das den Ehrennamen Lawra / Лавра trägt. 


(In einer Lawra haben einst Eremiten gelebt, was diesen Klöstern eine besondere Heiligkeit verleiht.) Der Ort lebt gut davon... Hier ist alles in hervorragendem Zustand und überall werden Hotels und Ferienanlagen gebaut - oder sind schon fertig.

Ehe man jedoch das Kloster selbst zu Gesicht bekommt, erblickt man einen "sozialistischen Heiligen":  Artjom / Артем war ein ukrainischer Revolutionär und Bolschewik, der 1921 bei einem Unfall ums Leben kam. Grimmig schaut er seit 1927 vom Berg herab.

Das Kloster war 1922 geschlossen worden - getreu der Marx`schen These, Religion sei Opium fürs Volk. Auf dem Gelände wurde ein Erholungsheim eröffnet.

Aber die Zeiten haben sich wieder geändert - und so wurde das Kloster in den 90er Jahren der Kirche zurückgegeben.

Es steht jenseits des Flusses Donjez / донец - sehr malerisch.


Wir haben gelesen, dass am Eingang Donkosaken sehr streng über die Einhaltung der orthodoxen "Kleiderordnung" wachen.

(Leider ist der junge Mann unscharf... )


Deshalb ziehe ich mich auf dem Parkplatz am Fluss, wo Familien Picknick machen und es jede Menge frommen und umfrommen Kitsch zu kaufen gibt, komplett um: Lange Ärmel, langes weites Kleid, ich zwänge mich sogar in Strümpfe und geschlossene Schuhe, obwohl es sehr heiß ist... Das Kopftuch ist sowieso ein "Muss".


Dieses über-korrekte Outfit hat zur Folge, dass mich die Kosaken am Eingang nicht einmal eines Blickes würdigen, Ziel erreicht! Erstaunlicher Weise nehmen es die jungen Frauen um uns herum, die vermutlich wirklich orthodoxen Glaubens sind, nicht so ernst mit der "Kledage". Um ihre hautengen Jeans schlingen sie einfach durchsichtige lange Tücher, obwohl Frauen in Hosen im orthodoxen Kloster eigentlich ein absolutes "No-Go" sind... Aber die Kosaken akzeptieren offenbar auch den guten Willen...

Aus dem Kloster selbst haben wir nur wenige  Bilder - denn fotografieren ist unerwünscht...


Wir lauschen dem Glockenspiel, das wunderschön ist,


beobachten vor allem Frauen, die sich offenbar Rat bei den Mönchen holen und am Ende einen Segen bekommen, sehen das prächtige Innere der Kirchen, riechen den Weihrauch und verstehen - so weit das Atheisten wie uns möglich ist - warum Glaube und Kirche Heimat sein können...




Die Stunden im Kloster von Swjati Gori sind ein sonnendurchfluteter Ruhepunkt auf unserer Reise - dann geht es weiter  Richtung  Donjezk. 




Überraschung am Wegesrand: auch die Ukraine huldigt unserm großen Sohn mit einem Dorf namens Adamiwka.  

Bis Donjezk ist es noch weit, wir kommen durch eine trostlose Stadt, in der Jungs Fußball spielen und wo wir an toten Fabriken und einem riesigen Werk vorbeifahren. 

Dann: Noch mehr Werke  und Halden. Wir sind im "ukrainischen Pott" angekommen.


Donjezk / Донецк erreichen wir gegen Abend. Wir finden einen bewachten Parkplatz und machen einen ersten Spaziergang. Obwohl Donjezk eine Millionenstadt ist, zeigt sich das Zentrum sehr "übersichtlich" - die Wege sind kurz.

Donjezk ist eine sehr junge Stadt - sie entstand in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die hier reichlich vorhandenen Bodenschätze waren der Grund, dass die Regierung in Sankt Petersburg den

Waliser John Hughes in den Donbass schickte, um dort die metallurgische Industrie aufzubauen.   Nach ihm hieß der Ort, der rasant wuchs, in den ersten Jahren Jusowka / Юзовка,


Ab 1924 Stalino / Сталино - und schließlich, nach dem halbherzigen Aufräumen der KPdSU mit dem Stalinismus in späten den 50ern, wurde die Stadt 1961 in Donjezk umbenannt.

Wir finden das im Reiseführer - zu recht, wie sich zeigt - gelobte Restaurant "Latinski Quartal" / Латинський квартал, oder zu gut französisch: "Quartier Latin"...     

... und mieten im Hotel "Ukraina" / Украина,


mitten im Zentrum, ein Zimmer. Es kostet 430 Griwna mit Frühstück - und wird damit fast das teuerste auf unserer ganzen Reise bleiben. Das "Ukraina" war sicher einmal mit das beste Haus am Platz, nun wird darin heftig saniert - sicher auch wegen der Fußball-EM 2012, wenn auch in Donjezk Spiele ausgetragen werden sollen. Unser Flur erschreckt uns zunächst etwas, aber als ich die Djeshurnaja / дежурная, die diensthabende Etagenverantwortliche suche, die unsern Zimmerschlüssel hat, sehe ich, dass in den anderen Etagen heftig am Outfit des Hotels gearbeitet wird.

Aus dem Zimmer haben wir einen schönen Blick auf die hell erleuchtete                    Christi-Verklärungs-Kirche.


Das Zimmer ist sehr groß, bereits fertig saniert und neu eingerichtet. Sogar einen bequemen riesengroßen Sessel gibt es, in dem sich Thomas niederlässt und eigentlich lesen will - denn ihm droht Grausames: Natürlich hat das Zimmer, wie alle andren Hotelzimmer auch, in denen wir schon waren, einen Fernseher. Und natürlich will Eva, wie in jedem Jahr, den Endausscheid des "Eurovision Song Contest" sehen. Die Ukraine ist auch dabei - und so wird das große Singen im "Perschi Nationalnui Kanal" / Перший Національний канал - dem  "Ersten" der Ukraine übertragen. Bald lässt Thomas das Buch sinken und guckt mit... Als Aljoscha aus der Ukraine auf die Bühne geht, kracht draußen irgendwo ein kleines Feuerwerk. Also muss es hier irgendwo in der Stadt auch ein public-viewing geben. Das Feuerwerk kracht jedoch nur einmal - denn nicht Aljoscha, sondern

Lena aus Hannover wird Europameisterin im Singen...

km-Stand: 12.950 - 244 gefahrene Kilometer


Nach dem Frühstück im Hotel, es gibt ua sehr leckere Blini / блины (das sind die Eierkuchen, von denen die Klitschkos in der Werbung immer reden, jenseits der Elbe Pfannkuchen genannt) machen wir einen weiteren Stadtrundgang.

Wider-sprüchliches auf nur einem Bild: Lenin und im Hintergrund das Hotel "Donbass Palace". Die Suite oben im runden Turm soll 2.500 Dollar pro Nacht kosten.


Das Hotel gehört dem Management des Fußballklubs "Schachtjor" / Шахтер - und somit im Grunde dem "Oligarchen" der Stadt - Rinat Achmetow (geschätztes Vermögen 2008: 31 Milliarden Dollar). Er hat mit seinen Geschäften und Firmen die Stadt reich gemacht.

Da nimmt es kaum Wunder, dass es hier auch ein großes  Juwelen-Kaufhaus gibt.


Man beachte jedoch auch die Männer, die hinter dem Haus oben auf dem Plakat zu sehen sind...

Bergleute, (schachtjori / шахтери) 


die auch heute - es ist Sonntag! - zur Arbeit gehen und ohne die es diesen Reichtum der Stadt nicht gäbe. Diamanten-Käufer sind sie jedoch bestimmt nicht... 

Sie arbeiten im Maxim-Gorki-Schacht / Schachta imeni Maksima Gorkowo / Шахта им. М. Горкого, dessen Betriebsgelände erstaunlicherweise auch für uns frei zugänglich ist.


So können wir uns von diesem Haufen ein Stück original ukrainische Steinkohle mopsen,das nun in Evas Arbeitszimmer liegt und die Finger schwarz macht, wenn man es berührt.


Dann führt uns einer unserer ansonsten so zuverlässigen Reiseführer in die Irre. Denn wir suchen das Fußballstadion, in dem in zwei Jahren EM-Spiele ausgetragen werden. Das soll hier ganz in der Nähe sein.

Wir sind verwirrt, denn das Stadion ist in keinem guten Zustand.

 

Dabei hatten wir gelesen, dass es (wiederum auf Geheiß von Rinat Achmetow, dem natürlich auch der Fußballclub "Schachtjor" gehört) gebaut wurde, 250 Millionen Dollar gekostet hat und 50.000 Plätze haben soll. Nein, das hier ist es nicht! Das ist nur das alte Stadion des Clubs, wie Thomas richtig vermutet. 

Und DAS ist das richtige, neue Stadion -


die Donbass-Arena / Донбасс Арена, hinter dem großen Sportkomplex "Olympiski" / Олимпийський.

Als wir uns diese Frage beantwortet haben, verlassen wir Donjezk - um weiter ans Asowsche MEER zu fahren.

                 Ende Teil 1 des Reiseberichts - weiter gehts mit Teil 2 


Bitte umblättern über das nächste Reiterchen oben links in der Navigationsleiste oder hier per link:

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